Matti

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letzte Änderung 26.03.2013
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Autobiographische Skizzen 1971-1974

Den folgenden Text habe ich bereits in den 1980er Jahren verfasst, als die Erinnerung an meine Kindheit und Jugend noch relativ frisch war. Später habe ich ihn lediglich noch leicht überarbeitet und an die neue Rechtschreibung angepasst.


VOM FLIEGEN

Autobiographische Skizzen 1971-1974

 

"Junge, was ist mit dir?"

Weit hinter mir, über mir, in einer anderen Welt, erklingen diese Worte.

"Junge, steh doch auf! Komm, ich bringe dich zum Arzt!"

Mein Gesicht berührt feuchte Erde.

Immer deutlicher dringt die besorgte Stimme des Mannes in mein Bewusstsein.

Wo bin ich? Was ist passiert?

*                    *                    *

Der fremde Mann hilft mir beim Aufstehen.

Vor mir, auf der Köhlerstraße, steht halb schräg ein 'Moskvitch'. Seine Motorhaube hat eine faustgroße Delle. Davor liegt mit verbogenem Rahmen mein Fahrrad.

Ein Verkehrsunfall also. Ich muss gerade aus der Schule gekommen sein, als er mich angefahren und in den Straßengraben geschleudert hat. Bloß, wo ist mein Schulranzen?

"Aber du hattest doch gar keinen Ranzen."

Meine Erinnerung an die letzten Stunden versteckt sich hinter einer Nebelwand. Mit meinem linken Bein ist etwas nicht in Ordnung. Ich verspüre keine Schmerzen, doch es gelingt mir nur humpelnd und gestützt von dem Mann, den Beifahrersitz des Wagens zu erreichen.

Stunden später liege ich mit einem vollständig eingegipsten Bein in der Männerstation des Kreiskrankenhauses Meißen. Die Untersuchungen liegen hinter mir; ich weiß inzwischen, dass ich mir einen Bänderriss und eine schwere Gehirnerschütterung zugezogen habe.

Abends kommt Vati mich kurz besuchen. Er bringt mir Obst und Saft und verschwindet gleich wieder. Auch ein Volkspolizist erscheint an der Saaltür und richtet seinen Blick sofort auf mich, das einzige Kind unter einem Dutzend erwachsener Männer. Er will gerade zu mir ans Bett kommen, als die Stationsschwester auftaucht und ihn abwimmelt.

Als alle anderen schon schlafen, der alte Mann am Fenster, dem gerade ein Bein amputiert wurde, und die Übrigen mit ihren verschiedenen Wunden und Krankheiten, lässt die wohltuend betäubende Wirkung des Schocks nach, und die Schmerzen brechen sich Bahn. Mehrmals klingle ich in jener Nacht des 12. Juni 1971 nach der Schwester und bitte um eine Schmerztablette.

*                    *                    *

Am darauf folgenden Nachmittag werde ich auf die Kinderstation verlegt, wo inzwischen ein Bett frei geworden ist. Die Schmerzen lassen nach und die Erinnerung an die Minuten und Sekunden vor dem Unfall kehrt allmählich zurück. Ich kam gar nicht aus der Schule, sondern aus der entgegengesetzten Richtung. Freihändig, wie ich das so gerne tue, rollte ich die Köhlerstraße hinunter, auf dem Gepäckträger sitzend und die Ellenbogen auf den Sattel gestützt. Ich war auf dem Weg zu meinem besten Kumpel Matthias.

Hinter mir hörte ich kein Geräusch und hielt es deshalb nicht für nötig, mich umzusehen, als ich nach links in die unscheinbare Einfahrt zur Lommatzscher Siedlung einbog. Im letzten Moment schwang ich mich nach vorn auf den Sattel und riss den Lenker herum.

Meine Erinnerung verlässt mich mit einem heftigen Bremsenquietschen.

Den Rest des Geschehens gibt sie mir nicht mehr preis.

*                    *                    *

Zu meiner Verwunderung kann ich überhaupt nichts Erschreckendes an der Vorstellung finden, dass ich hätte tot sein können.

So also kann der Tod sein: ein kurzer Schlag, und nichts geht einen mehr etwas an.

Bisher hatte mich der Gedanke an meinen eigenen irgendwann bevorstehenden Tod mit tiefer Trauer erfüllt. Vor ein paar Jahren, als mir eines Abends plötzlich bewusst geworden war, dass auch für mich das Leben irgendwann zu Ende sein wird, hatte ich stundenlang in Tränen aufgelöst im Bett gelegen. Nur getröstet vom Ticken der alten Standuhr.

*                    *                    *

Der Juli ist heiß und wolkenlos.

Wochenlang sitze ich von morgens bis abends im Liegestuhl auf der Wiese. Zwar muss mein Bein noch bis Ende des Monats in Gips bleiben, aber wenigstens brauche ich die Sommerferien nicht im Krankenhaus zu verbringen. Pünktlich zu deren Beginn wurde ich entlassen.

Ich genieße die Sonne, die Wärme, das Faulenzen. Oft gesellt sich Steffen, mein Nachbar, zu mir, macht es sich hinter dem Zaun gemütlich und wir unterhalten uns dann stundenlang über alles, was elf-, zwölfjährige Jungs interessiert. Der Garten hängt voller reifer Kirschen, und sogar Gudrun scheint gute Laune zu haben. Seit Jahren habe ich das nicht mehr bei ihr erlebt.

*                    *                    *

In diesen Wochen erreichen mich drei wichtige Nachrichten.

Die erste davon ist die angenehmste. Mein Halbbruder Karsten kommt eines Abends zu mir ans Bett und erzählt, er habe von Scheidung reden hören.

Voll ungläubiger Freude nehme ich seine Worte auf. Sollte mein seit Jahren gehegter heimlicher Wunsch nun doch in Erfüllung gehen? Sollte ich tatsächlich bald nur mit Vati allein für immer fortgehen aus diesem Haus, nur mit ihm woanders ein neues Leben anfangen? Aber ja, letztlich wäre das ja für alle die beste Lösung.

Noch ist es allerdings nicht so weit. Das wird mir bewusst, als mir Vati wenige Tage später eröffnet, dass ich ab September nicht mehr in Coswig in die Schule gehen werde, sondern in Weinböhla. Da er hinzufügt, dass Jost Gassauer von der 5. in die 6. Oberschule Coswig versetzt wurde, kann ich mir auch den Grund dafür denken: Jost, Matthias und ich, die drei schwarzen Schafe der Klasse - untrennbar verbunden durch den gemeinsamen Schulweg - sollen auseinander gebracht werden.

Die dritte der Nachrichten - die schreckliche - bekomme ich wieder von Karsten ans Bett gebracht. Er ist erst sieben und begreift selbst noch viel weniger als ich, was er mir mitteilt: "Ich muss dir mal was sagen, aber was ganz Trauriges. Der Opi ist gestorben."

Es dauert eine Zeit, ehe ich bereit bin, es zu glauben. Erst als ich selbst Omis Brief lese, der gerade angekommen ist, Gudruns Großmutter mit tränenverschleierten Augen ins Zimmer kommt, klagend: "Das war so ein guter Mensch", begreife ich ganz den unwiederbringlichen Verlust.

Von nun an lebt Opi nur noch in meinen Träumen.

Viele Jahre lang wird er in ihnen einen festen Platz haben.

*                    *                    *

Die Schule, in die ich seit Anfang der siebenten Klasse gehe, widerstrebt mir.

Der Bau entstand um die Jahrhundertwende, und in seinen meterdicken Mauern hat sich noch eine gute Portion des Geistes jener Zeit erhalten. Die Lehrerschaft besteht zum großen Teil aus Männern über fünfzig. Unter diesen ist es besonders der Geografielehrer Nigge, durch den mir bald bewusst werden soll, dass an diesem Gebäude gut zweieinhalb Jahrzehnte zuvor noch die Hakenkreuzfahne wehte.

Gleichzeitig mit mir ist noch ein anderer Junge neu in die Klasse gekommen. Seine Familie ist vor kurzem von Frankfurt/Oder nach Weinböhla gezogen. Durch die große Umstellung fällt es ihm während der ersten Monate schwer, im Unterricht den Anschluss zu finden, und seine Noten sind lange Zeit die schlechtesten der Klasse. Das ist für Nigge der Grund, ihn zum Sündenbock zu stempeln und während seiner Unterrichtsstunden wiederholt zum abstoßenden Beispiel zu erklären.

Mitte des zweiten Schulhalbjahres ändert er jedoch plötzlich seine Meinung.

Inzwischen ist es zu ihm durchgedrungen, dass ich mit einem Kumpel in das Haus eines kurz zuvor verstorbenen alten Mannes eingebrochen bin, dort ein Kleinkalibergewehr entdeckt und damit in den Wäldern auf Krähen geschossen habe.

Die Verkündung seines Meinungswandels leitet er vor der Klasse mit den Worten ein: "Na, was meint ihr wohl, wer der Schlimmste von allen ist?"

Sicher, dass nur er gemeint sein kann, hebt der Junge aus Frankfurt verschämt seine Hand. Doch da beruhigt ihn Nigge mit gemachter Väterlichkeit: "Nein, du nicht. Dich kriegen wir schon noch hin." Kurz darauf vollführt er mit seinem obligatorischen Zeigestock einen Schwenk; genau auf mich weist jetzt dessen Spitze.

"Der da, das ist der Oberübelste!"

 

In seinem Fach zähle ich zu den Besten der Klasse. Im Laufe vieler Topografietests hat sich gezeigt, dass ich mich auf der Weltkarte am besten von allen auskenne. Doch wird am Schuljahresende auf meinem Zeugnis unter Erdkunde eine 3 stehen.

Wieviel angenehmer war da doch die Schule in Coswig. Ein Neubau, kurz vor meiner Einschulung fertiggestellt. Der letzte in dieser Gegend, der noch aus Ziegeln gebaut wurde und ein Spitzdach hat, und zugleich der erste mit großen Fenstern, hellen Räumen und einem die gesamte Treppenhausfront überspannenden freundlichen Glasmosaik. Die Lehrer sind viel jünger; gut die Hälfte davon sind Frauen. Glückliches Produkt eines kurzen geistig-kulturellen Frühlings in der DDR.

*                    *                    *

Das Schuljahr vergeht, und die Hoffnung, dass bald alles anders werden wird, tröstet mich über die unangenehmen Erfahrungen hinweg. Nach dem Unterricht gehe ich meist gar nicht erst nach Hause, denn dort ist doch nur dicke Luft. Ich fahre in unsere Bude im Wald oder ziehe mit Matthias durch die Konsum-Läden, um Eis und Schokolade zu klauen.

Anfang Mai 1972 findet die Scheidung statt. Nun ist es nur noch eine Frage von Wochen, bis ich tatsächlich nur mit Vati allein dieses Haus und diesen Ort verlassen werde. Am 30. Juni nehme ich gelassen das bisher schlechteste Zeugnis meiner schulischen Laufbahn in Empfang und verlasse erleichtert das Gebäude. Nie wieder werde ich meinen Fuß da hinein setzen.

In der Woche darauf fahre ich mit der ersten Belegung ins Ferienlager an die Ostsee. Als mich Vati zwei Wochen später mit dem Motorroller in Dresden vom Bahnhof abholt, nimmt er zu meiner Überraschung nicht den Weg nach Weinböhla, sondern fährt hinauf nach Klotzsche. Mich beschleicht eine freudige Ahnung.

Am Schenkhübel biegt er in die Karl-Marx-Straße ein und hält zweihundert Meter vor dem Flughafen bei einigen Baracken. Schräg gegenüber steht Gebäude 316 des "VEB Elektromat", seine Arbeitsstelle.

Wir betreten einen der hölzernen Korridore. Vati holt einen Schlüssel aus der Tasche und öffnet damit eine Tür: "So, mein Sohn, hier werden wir vorläufig wohnen." Der Raum ist nur spärlich und sehr einfach eingerichtet, ein typisches Zimmer in einem Betriebswohnheim eben. Aber das stört mich überhaupt nicht.

Hier möchte ich ewig bleiben!

*                    *                    *

Der Juli ist genauso heiß und sonnig wie im Vorjahr. Jeden Morgen gehe ich gleich nach dem Frühstück hinüber zum Flughafen, um den an- und abfliegenden Maschinen zuzuschauen.

Die meisten Flugzeugtypen kann ich inzwischen schon aus einiger Entfernung unterscheiden, denn mein Interesse für das Flugwesen hat in den letzten Monaten enorm zugenommen. Ich habe nämlich erfahren, dass ich mit vierzehn Jahren, also schon bald, einem Segelflug-Klub beitreten und fliegen kann. Dann werde ich selbst in einem der Flugzeuge sitzen, die an so vielen Wochenenden im Jahr in geringer Höhe über den Balkon meiner Großeltern surren, um am gegenüberliegenden Elbufer zu landen.

Zum Mittagessen treffe ich mich regelmäßig mit Vati in der Betriebskantine, danach zieht es mich wieder zum Flughafen. Wenn die Hitze nachgelassen hat, schwinge ich mich aufs Fahrrad und erkunde die Umgebung. Ich lebe, als könnte sich dieser Zustand grenzenloser Freiheit niemals ändern.

Deshalb bin ich zuerst überhaupt nicht begeistert, als nach zwei Wochen eine Kollegin meines Vaters auf mich zu kommt und fragt, ob ich nicht Lust habe, ausnahmsweise noch einmal ins Ferienlager zu fahren.

Das bedeutet ja doch nur wieder, sich ständig den Anweisungen der Betreuer unterordnen zu müssen - genau das Gegenteil von dem, was ich gerade erlebe. Sogar die Nachricht, dass es diesmal nicht an die Ostsee gehen soll, sondern in die Tschechoslowakei, lässt mich im ersten Augenblick kalt.

Doch übt die Aussicht, zum ersten Mal in ein fremdes Land reisen zu können, einen ungestüm wachsenden Reiz auf mich aus. Am nächsten Morgen habe ich meine Meinung gründlich geändert.

*                    *                    *

Wieder holt mich Vati mit dem Roller ab, als die Busse aus der Tschechei auf dem Platz der Einheit eintreffen. Wir fahren hinauf nach Klotzsche, doch zu meiner Verwunderung nehmen wir nicht den Weg zum Flughafen, sondern rollen die Kieler Straße hinunter und halten vor einer der zahlreichen heruntergekommenen Villen. Als ich ihn nach dem Grund frage, flunkert Vati: "Wir gehen jemanden besuchen." Doch statt auf die Klingel zu drücken, zückt er einen Schlüssel und öffnet damit die Tür im Erdgeschoss.

Hier also werden wir wohnen.

Ich bin etwas enttäuscht, hatte erwartet, wieder in das Barackenzimmer am Flughafen zu kommen und das Leben fortsetzen zu können, das ich vor der Reise geführt hatte. Gerade das Provisorische an diesem Zustand war es, das mir ein beglückendes Gefühl der Befreiung gegeben und den Wunsch geweckt hatte, er möge ewig dauern. Der Anblick des düsteren Korridors und der zwei fast leeren Zimmer ruft mir unbarmherzig ins Bewusstsein, dass die Zukunft mit Pflichten gepflastert sein wird.

In zwei Wochen sind die Sommerferien zu Ende.

*                                                       *

*              *              *

*                                                       *

"Vati, ich würde gern mit dem Geld, das ich in den Winterferien verdiene, nach Prag fahren und meinen Freund Rudolf aus dem Ferienlager besuchen. Hättest du etwas dagegen?"

"Nein, das ist eine gute Idee. Dafür würde ich dir sogar noch ein paar Mark zugeben."

Seine Reaktion erstaunt und erfreut mich. Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals so vorbehaltlos mit einem meiner Wünsche einverstanden war und mich sogar noch darin unterstützt hat.

Die Woche im Ferienhort vergeht schnell. Die Betreuung der Schulanfänger macht mir Spaß, und mit ein paar angelernten Zaubertricks gewinne ich rasch ihre Sympathie. Am Freitagnachmittag bekomme ich den Lohn ausgezahlt, und gegen Mitternacht mache ich mich auf den Weg zum Hauptbahnhof. Sehr erwachsen komme ich mir vor, als ich zu nachtschlafender Stunde die Ankunft des Zuges erwarte. Fünfzig Mark habe ich einstecken, so viel, wie nie zuvor. Nachdem ich die Fahrkarte gekauft habe, bleiben mir immer noch dreißig zum Vernaschen.

Der große Moment naht; der Zug setzt sich in Bewegung.

Wenig später geben sich Pass- und Zollkontrolleure den Griff der Abteiltür in die Hand. Ein kurzer Blick auf mich und auf mein Passbild, ein Stempel, und schon ist das Paar neben mir an der Reihe. Nach der schriftlichen Zustimmung meines Vaters, die ich einstecken habe, fragt niemand.

So einfach kann ich jetzt also über die Grenze kommen, dank meines Personalausweises.

Vor zwei Wochen erst bekam ich ihn ausgehändigt, kurz nach meinem 14. Geburtstag.

*                    *                    *

Pünktlich rollt der Zug in Praha-Stred ein.

Zuerst muss ich mich zum Wenzelsplatz durchfragen; von dort aus kann ich mit einer der Straßenbahnen fahren, die Rudolf mir aufgeschrieben hat. Sabines Eltern, die fließend Tschechisch sprechen, haben mir geraten, mich an ältere Leute zu wenden, da diese fast alle Deutsch verstünden. So gehe ich auf den ersten älteren Mann zu, den ich erblicke und frage: "Entschuldigung, sprechen Sie Deutsch?" Doch er antwortet mir mürrisch: "Ne rozumim."

Ich versuche es noch einmal bei einer älteren Frau. Die gleiche Reaktion.

Na, macht nichts. Ich kann ja etwas Tschechisch aus dem Ferienlager und habe letzten Herbst zwei Monate lang an einem Volkshochschulkurs teilgenommen. "Prominte, gde je Vaclavske Namesti?"

Etwas verdutzt vernehme ich die Antwort des jungen Mannes, den ich mit diesen Worten angesprochen habe: "Du bist doch bestimmt Deutscher, du kannst ruhig Deutsch reden."

Ich besteige die Straßenbahn, die er mir anweist. Als ich an der Wohnungstür in der Sokolovska klingle und Ruda mir öffnet, ist seine Mutter gerade dabei, den Frühstückstisch zu decken.

*                    *                    *

Dass wir uns nur mit Mühe verständigen können, tut unserer guten Stimmung keinen Abbruch. Für Rudolf ist mein Besuch bei ihm ein genauso großes Erlebnis wie für mich.

Er und sein jüngerer Bruder brechen in Lachen aus, als ich eins der schmalen Hörnchen der Länge nach aufschneide, um die Butter in die Mitte zu schmieren. So bin ich es von den Brötchen zu Hause gewohnt. Sie zeigen mir, wie sie es machen: einfach das Hörnchen umdrehen und die Butter auf den abgeplatteten Boden schmieren.

Gleich nach dem Frühstück verschwindet Rudas Bruder und kommt wenig später mit dem Großvater zurück, der gut Deutsch spricht. Zu dritt brechen wir auf zu einer Besichtigung der Altstadt.

Zum zweiten Mal schon kann ich den tiefen historischen Eindruck des Altstädter Ringes in mich aufsaugen. Ein halbes Jahr zuvor war ich mit der deutschen Gruppe des Ferienlagers schon einmal für wenige Stunden in Prag.

Später besichtigen wir das Verkehrsmuseum und - auf meinen besonderen Wunsch - den Flughafen. Bald, sehr bald schon werde ich selbst fliegen. Seit dem Herbst bin ich Mitglied in einem Segelflug-Klub. Der theoretische Vorbereitungslehrgang nähert sich dem Ende und meine Pflichtstunden in der Werkstatt habe ich auch schon absolviert. In ein, zwei Monaten - je nach Wetterlage - wird es soweit sein.

Ach, könnte ich Rudolf doch etwas von meiner Passion verständlich machen!

Aber mit einem Großvater als Dolmetscher ist das nicht so einfach.

*                    *                    *

Ostern 1973 ist es endlich soweit. Ich bekomme meinen Einweisungsflug. Steil steigt der polnische "Bocian" an der Seilwinde gen Himmel. Da bin ich!

Vierhundert Meter über der Erde.

Der Fluglehrer, der die Maschine steuert, sitzt hinter mir. Was er gerade tut, sehe ich an den Bewegungen meines Steuerknüppels, der mit seinem gekoppelt ist.

Ich habe Glück, denn wir erwischen Aufwind. So schwebe ich wenig später in fast tausend Meter Höhe.

Es fällt mir schwer zu glauben, dass wir über siebzig Kilometer pro Stunde fliegen; so sanft und gemächlich gleiten wir über die Landschaft. Doch der Fluglehrer überzeugt mich mit handfesten Argumenten: "Schau mal, der Trabbi da unten auf der Autobahn fährt bestimmt achtzig Sachen. Den hängen wir doch glatt ab." Er drückt etwas gegen den Steuerknüppel, die Flugzeugnase senkt sich ein wenig und bald zeigt die Nadel 120 km/h an. Der Trabant verschwindet unter der Tragfläche.

Wegen der großen Höhe, die wir jetzt haben, beschließt der Lehrer, mich gleich in den Kunstflug einzuführen. Leicht zieht er am Knüppel, die Nase hebt sich. Der Zeiger für die Geschwindigkeit neigt sich nach links. Als er die 55 erreicht hat, sehe ich vor mir Knüppel und Pedale ganz nach rechts einschlagen. Das Flugzeug neigt sich zur Seite, die Nase stürzt gen Boden. Vor mir, unter mir dreht sich Dresden dreimal um sich selbst.

Nur schade, dass wir so viel Höhe dabei verloren haben. Schon sind die einzelnen Äste der Bäume zu erkennen. Wir vollführen zwei Viertelschwenks nach rechts, vor der Kanzel taucht die Wiese neben der Rollbahn des Flughafens auf und kommt näher. Einsetzendes Rumpeln verkündet mir, dass die Erde mich wieder hat.

*                    *                    *

Ein halbes Dutzend Jungen und Mädchen, die ich schon vom Einführungskurs kenne, erhalten an diesen drei ersten Flugtagen des Jahres ebenfalls ihren Einweisungsflug. Auch die Alten, die schon seit mindestens einem Jahr dabei sind, drängt es nach der langen Winterpause wieder in die "Buden". So warte ich an diesem Wochenende vergeblich auf einen zweiten Start.

Doch am darauf folgenden Sonnabend ist es wieder soweit. Jetzt darf ich schon selbst Hand an die Steuerung legen und lerne, das Flugzeug im Geradeausflug auf Kurs zu halten.

Kein Samstag, kein Sonntag vergeht mehr in diesem Frühjahr, ohne dass ich wenigstens ein Mal die Erde für kurze Zeit verlassen hätte. Wenn in Klotzsche nicht geflogen werden kann, weil die Armee wieder einmal ihr Besitzrecht am Flughafen geltend macht, fahre ich hinunter ans Elbufer. Beim dortigen Klub mache ich mich am Boden nützlich, bis auch für mich ein Start abfällt. Mein Traum ist Wirklichkeit geworden: Ich selbst steuere das Flugzeug, zu dem Omi gerade von ihrem Balkon aus aufschaut.

Als die Sommerferien näher rücken, habe ich gelernt, wie man Kurven fliegt und wie Start und Landung ausgesteuert werden. Den gesamten Flug kann ich inzwischen allein ausführen, wenn auch noch in Begleitung eines Fluglehrers. Ich freue mich auf den zweiwöchigen Ferienlehrgang. Dann werde ich aller Voraussicht nach die Grundausbildung abschließen können und die Voraussetzungen für den ersten Alleinflug erfüllen.

Doch da durchkreuzt Frau Hausdorf, meine Klassenlehrerin, auf unangenehme Weise meine Pläne.

*                    *                    *

Im Grunde kann ich es ihr nicht einmal übel nehmen; sie hat ja recht: Ich vernachlässige zugunsten des Segelfliegens meine schulischen Pflichten.

Aber was soll ich tun? Es macht mir einfach alles keinen Spaß mehr.

Die 82. Oberschule Dresden, in die ich seit einem Jahr gehe, ist genauso ein alter Bau wie jener in Weinböhla; nur ist die Atmosphäre hier vielleicht nicht ganz so provinziell. In der Klasse bin ich ein krasser Außenseiter, nicht nur wegen meiner Leidenschaft für das Segelfliegen, sondern auch wegen meiner Kleidung. Obwohl Vati überdurchschnittlich verdient, lässt er mich in Opis abgetragenen und gänzlich unmodernen Hemden und Hosen herumlaufen, die mir viel zu weit sind. Das ist mir äußerst peinlich, weil ich mich dadurch ständig dem Spott meiner Klassenkameraden ausgesetzt sehe.

Durch die Erfahrungen der letzten Jahre hat mein Interesse für die Schule stark nachgelassen. Kaum etwas von dem, was ich dort vorgesetzt bekomme, spricht mich noch an. Dem stumpfsinnigen Pauken von Fakten, Formeln und Dateien kann ich keine interessanten Seiten abgewinnen. Vor allem aber fange ich an zu begreifen, dass so manches von dem, was uns eingetrichtert wird, die reine Unwahrheit ist.

Die ursprüngliche Begeisterung für meine erste Fremdsprache Russisch ist einer Ablehnungshaltung gewichen. Mittlerweile weiß ich, in welchem Verruf diese Sprache nicht nur hier, sondern vor allem auch in der Tschechoslowakei steht. Die Eins in diesem Fach nach der 5. und 6. Klasse hat sich zwei Jahre später in eine Vier verwandelt.

Doch nicht nur in Russisch habe ich nachgelassen. Seit einigen Jahren schon hat sich mein Zensurendurchschnitt mit jedem Halbjahreszeugnis weiter verschlechtert. Mit Staatsbürgerkunde kann ich überhaupt nichts anfangen; die seit Anfang des 8. Schuljahres an einem Nachmittag im Monat stattfindenden Pflichtveranstaltungen der "politischen Bildung" habe ich als Einziger in der Klasse noch nicht ein Mal besucht.

Deshalb setzt sich Frau Hausdorf im Juni 1973 mit der "Gesellschaft für Sport und Technik" in Verbindung, der auch die Segelflugverbände unterstehen. Kurz vor Beginn der Sommerferien werde ich zu einer "Aussprache" geladen, an der neben meiner Lehrerin zwei Vorstandsmitglieder des Verbandes teilnehmen. Eine Chance mich zu verteidigen oder Besserung zu geloben bekomme ich nicht. Es geht nur darum, mir die bereits feststehende Entscheidung mitzuteilen: Während der kommenden drei Monate darf ich kein Flugzeug mehr besteigen.

So ein Mist! Den Sommerlehrgang kann ich vergessen.

*                    *                    *

Die letzte Woche des Schuljahres verbringt unsere Klasse in der Tschechoslowakei. Es ist eine Art Abschlussfahrt, denn zwei Mitschüler werden uns verlassen. Frank, um Fleischer zu werden, Christel, um auf die Erweiterte Oberschule zu gehen.

Einige Eltern, die ein Auto besitzen, bringen uns hinauf zum Grenzübergang Zinnwald. Dort steigen wir in den bereitstehenden tschechischen Bus. Erstes Ziel der Reise ist Theresienstadt.

Zwei Stunden lang besichtigen wir dort das ehemalige Konzentrationslager, von dem wir in der Schule gehört haben. Doch das Wetter ist zu schön, unsere Laune zu gut. Niemandem von uns wird das Grauenhafte dieses Ortes wirklich bewusst.

Weiter geht es nach Prag. Am frühen Nachmittag beziehen wir die reservierten Bungalows auf dem Campingplatz am Moldauufer in Branik.

Was herrscht hier doch für eine internationale Atmosphäre!

Holländer sind da, Ungarn, Franzosen ... Nie gesehene Autos und Motorräder stehen herum; Menschen sprechen nie gehörte Sprachen. Meine Unternehmungslust ist geweckt. Zuerst will ich Rudolf besuchen, der noch gar nicht weiß, dass ich in der Stadt bin.

Die Gelegenheit ist günstig, denn für den Rest des Tages gibt es kein Programm. Ich schleiche mich also davon und besteige die Straßenbahn.

*                    *                    *

Als ich zurückkomme, überschüttet mich Frau Hausdorf mit Vorwürfen. Sie hätte sich solche Sorgen gemacht, denn schließlich sei sie ja für mich verantwortlich. Ich kann ihre Ängstlichkeit gar nicht verstehen; ich finde mich hier doch prima zurecht!

Als wir am nächsten Tag den Hradschin, die Burg, besichtigen, hat sie auf mich ein wachsames Auge. Doch schon einen Tag später hält mich nichts mehr auf dem Campingplatz. Ich habe nämlich herausgefunden, dass es in Tocna, am Rande von Prag, einen Segelflugplatz gibt.

Mit dem Bus fahre ich hinaus. In gebrochenem Englisch, das ich seit zwei Jahren freiwillig lerne, unterhalte ich mich mit einigen Fliegern. Erzähle, dass ich in Dresden gerade die Grundausbildung absolviere.

Nachdem ich dem Flugbetrieb eine Weile zugeschaut habe, weist plötzlich ein älterer Pilot auf den Rücksitz eines bereitstehenden Flugzeuges.

Mit einem Fallschirm in der Hand kommt er auf mich zu.

Zwei Minuten später steige ich zusammen mit einem Fluglehrer in den Himmel über Prag auf.

*                    *                    *

Ein böser Blick meiner Lehrerin trifft mich, als ich auf den Zeltplatz zurückkomme. Doch diesmal unterlässt sie es, mir Vorwürfe zu machen.

Sie hat wohl eingesehen, dass es sinnlos ist.

Die Jungs, mit denen ich den Bungalow teile, registrieren meinen Bericht von dem Segelflug über Prag mit ungläubiger Verwunderung. Keiner von ihnen würde es wagen, sich aus dem Blickfeld der Klasse zu entfernen, in dieser Stadt ganz auf sich allein gestellt etwas zu unternehmen. Ich erzähle aus einer anderen, für sie unerreichbaren Welt.

Dadurch empfinde ich mich in der Klasse leider mehr denn je als Außenseiter.

Selbst auf dem Campingplatz halte ich mich meist abseits von meinen Mitschülern und suche lieber Kontakt zu Gästen aus anderen Ländern. Besonders fasziniert bin ich von einem zehnjährigen niederländischen Jungen, der perfekt Deutsch spricht und mir manches Interessante über seine Heimat erzählt.

Vor Jahren lag auf meinem Weihnachtsteller eine Tafel Schokolade, die wohl mein Großonkel aus dem Ruhrgebiet geschickt hatte. Darauf war eine alte holländische Landschaft abgebildet, mit Segelschiffen und einer Windmühle. Schon damals begann dieses Land einen geheimnisvollen Reiz auf mich auszuüben.

Durch die kurze Bekanntschaft mit dem Jungen verstärkt er sich noch.

*                    *                    *

Die Burg Karlstein bei Beroun und eine Tropfsteinhöhle südlich von Prag zählen zu den Zielen, die unsere Klasse in den darauf folgenden Tagen ansteuert. Wir bummeln über den Wenzelsplatz, durch die Prager Altstadt, gehen im "U Fleku" essen und tummeln uns in einem Freiluftbad mit Sauna. Zweimal noch setze ich mich von den anderen ab, um meinen tschechischen Freund zu besuchen.

Die Woche vergeht schnell, und der Tag der Heimreise rückt heran. Diesmal nehmen wir den Zug.

Der kommt aus Rumänien und trifft mit zwei Stunden Verspätung ein. Mich stört das nicht, denn es verlängert ja nur unsere Reise. Selbst hier auf dem Bahnhof gibt es schließlich eine Menge Neues zu entdecken. Den leckeren Orangensaft zum Beispiel, der am Kiosk verkauft wird. Oder die mehrsprachigen Aufschriften, mit deren Hilfe ich mir die tschechische und die englische Sprache weiter erschließe.

Dann rollt der Zug, verlässt die Stadt, begleitet die Moldau auf ihren letzten Kilometern. Nach einer halben Stunde entschwindet sie dem Blick und hinter Melnik ist es die Elbe, an deren Ufer wir nun stromabwärts rollen. Zum ersten Mal fahre ich diese Strecke bei Tage, und ich bin beeindruckt von ihrer romantischen Schönheit. Eine alte Burg auf einem vorspringenden Felsen bei Usti tut es mir besonders an.

Bald beginnt die Böhmische Schweiz, die sich nach wenigen Kilometern übergangslos in die Sächsische Schweiz verwandeln wird. Doch bevor wir diese erreichen, hält der Zug und bleibt lange, lange stehen. Vom Schaffner erfahren wir schließlich, dass die Lokomotive kaputt ist und ausgewechselt werden muss.

Mit fünf Stunden Verspätung treffen wir in Dresden ein.

*                    *                    *

Das Ferienlager in Lubmin bietet mir nicht viel Neues. Schon zum dritten Mal bin ich jetzt hier, und es ist doch nur jedes Mal das Gleiche. Je ein obligatorischer Tagesausflug nach Greifswald und Wolgast, ein Fußballturnier, zwei Tanzabende. Ansonsten liegen wir die meiste Zeit am Ostseestrand. Wenn das Wetter nicht mitspielt, ist Tischtennis die einzige Alternative.

Einzig interessant sind für mich einige der tschechischen Mädchen, die in diesem Jahr zum ersten Mal hier sind. Doch meine Annäherungsversuche haben leider wenig Erfolg.

Nur einmal gelingt es mir, für kurze Zeit die Aufmerksamkeit einer blonden Schönen zu fesseln und die Distanz zwischen uns vorübergehend zu verkleinern.

Als ich ihr in gebrochenem Tschechisch erkläre, dass der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht mitten in die gerade in Ostberlin stattfindenden 10. Weltfestspiele hinein gestorben ist.

Diese Meldung kam soeben im Radio.

*                    *                    *

In der zweiten Augusthälfte überrascht mich Vati mit der Idee, für ein Wochenende nach Polen zu fahren. An einem Freitagmittag steigen wir auf den "Tatran", seinen alten Motorroller. Bis Bautzen benutzen wir die löcherige Autobahn, danach die Landstraße.

Die Grenzüberschreitung nach Polen ist noch unkomplizierter als in die CSSR. Nicht einmal einen Stempel bekommen wir in den Ausweis. Zügig durchqueren wir Görlitz, das am anderen Neißeufer Zgorzelec heißt. Fast für uns allein haben wir auf ihren letzten hundert Kilometern die alte Autobahn von Berlin ins ehemals deutsche Breslau, das wir in der Schule nur als Wroclaw kennen gelernt haben.

Wir übernachten in einer Bungalowsiedlung am Stadtrand. Am Samstagvormittag bummeln wir durch eine Einkaufsstraße und über den historischen Marktplatz.

Gegen Mittag brechen wir ins Riesengebirge auf. In Karpacz mieten wir für eine Nacht ein Zimmer in einer Privatpension. Der Inhaber lächelt freudig erstaunt, als ich ihn mit "Dzien dobry" begrüße, meinen ersten Wörtern auf Polnisch.

Am Sonntagmorgen fahren wir hinauf zur Talstation des Sessellifts. Der Andrang ist groß; es dauert eine ganze Weile, bis wir endlich an die Reihe kommen und schaukelnd aufwärts schweben.

Allmählich ändert sich die Flora, die Bäume werden immer niedriger. Bei der oberen Station stehen nur noch Krüppelkiefern von kaum zwei Metern Höhe. Von hier aus ist es noch etwa eine Stunde Fußweg bis zum Gipfel der wolkenverhüllten Schneekoppe, über den die Grenze zur CSSR verläuft.

Oben angekommen müssen wir entdecken, dass es nur auf der tschechischen Seite ein kleines Restaurant gibt. Dafür haben wir leider nicht das richtige Geld, und das Personal lässt nicht mit sich reden.

Ohne Stärkung und wärmendes Getränk machen wir uns also wieder an den Abstieg von der kahlen, fast vegetationslosen Kuppe.

Uns bleibt noch Zeit, eine altnorwegische Holzkirche zu besichtigen, die irgendjemand vor wohl zweihundert Jahren hier errichten ließ. Dann wird es Zeit für die Heimreise, denn Vati muss am nächsten Morgen wieder zur Arbeit.

Kurz vor der Grenze machen wir bei einem Wirtshaus halt, um unsere restlichen Zloty auszugeben. In der Gaststube sitzen ausschließlich ältere Männer. Auch sie honorieren meine Begrüßung auf Polnisch mit einem sehr freundlichen Lächeln.

Mehr und mehr zerrinnt meine Befürchtung, die Polen könnten uns als Deutschen pauschal mit Antipathie begegnen. Nach dem, was ich in der Schule über den Krieg und über das Polen von Deutschen zugefügte Leid erfahren habe, hatte ich wohl damit gerechnet.

Auch Vati ist von der einfachen, freundlichen Art der Menschen angetan. "Ich fühle mich hier wohler als in der Tschechoslowakei", sagt er. "Als ich vor einem Jahr in Prag war, waren die Leute dort anfangs auch freundlich, aber meist nur so lange, bis sie erfahren haben, aus welchem Teil Deutschlands ich komme. Da wussten sie, dass an mir nicht viel zu verdienen war."

*                    *                    *

Viel zu langsam vergeht der September.

Die Tatsache, dass ich noch immer nicht wieder fliegen darf, motiviert mich keineswegs zu größeren Anstrengungen in der Schule; eher ist das Gegenteil der Fall. Ich verspüre zunehmende Frustration.

Doch dann ist es endlich soweit. Am ersten Samstag im Oktober kann ich meine Sorgen wieder für einige Minuten am Boden zurücklassen. Vier Wochenenden bleiben mir noch bis zum Ende der Saison. In dieser Zeit hole ich das versäumte Übungsprogramm rasch auf.

Am letzten Oktobersonntag haben wir ein Schleppflugzeug zur Verfügung. Das kann uns auf über tausend Meter Höhe bringen - im Gegensatz zur Winde, die es nur auf etwa vierhundert Meter schafft. So kann ich an diesem Tag die Gefahreneinweisung absolvieren, den letzten Programmpunkt vor dem Alleinflug.

Wieder trudelt das Flugzeug, schraubt sich der Erde entgegen. Doch diesmal bin ich es, der dies herbeigeführt hat, und ich fange die "Bude" auch selbst wieder ab.

Trudeln ist nicht nur eine Kunstflugfigur, sondern auch eine Gefahr bei zu langsamem Fliegen. Deshalb muss jeder Pilot diesen Zustand im Griff haben, bevor er zum ersten Mal allein ein Flugzeug besteigen darf.

Doch dazu kommt es für mich nicht mehr. Schon zieht der November eiskalt heran.

Die Saison ist zu Ende.

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Im Februar 1974 fährt unsere Klasse noch einmal für einen Tag in die CSSR. Diesmal benutzen wir den Linienbus nach Zinnwald und wandern vom Grenzübergang aus einige Stunden durch das verschneite Erzgebirge. Bevor wir wieder zum Bus gehen, kaufen die meisten von uns in einem Laden an der Grenze noch einige Flaschen des begehrten tschechischen Biers und andere Kleinigkeiten. Ich bin der Letzte in der Schlange.

Als ich mit voller Einkaufstasche auf die Straße trete, ist von meiner Klasse niemand mehr zu sehen. So gehe ich allein über die Grenze, laufe zu den Bushaltestellen. Doch dort herrscht gähnende Leere. Vor zwei Minuten ist ein Bus nach Dresden abgefahren, entnehme ich dem Fahrplan.

Sollten sie ohne mich gefahren sein? Ich kann es mir nur schwer vorstellen.

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Der DDR-Posten am Grenzübergang kann sich nicht recht an eine Schulklasse erinnern. Zu viele Leute würden hier hin und her gehen. Doch der tschechische Posten weiß es genau: Meine Klasse ist vor fünf Minuten zurück in die DDR gegangen.

Für einen Moment überfällt mich Hilflosigkeit.

Da stehe ich nun mit meinen gerade fünfzehn Jahren mitten im verschneiten Gebirge, eine Autostunde von zu Hause entfernt. Schon bricht die Nacht herein und ich habe nicht mehr genug Geld, um den Bus zu bezahlen.

Mein erster Gedanke ist: zum Abschnittsbevollmächtigten gehen. "Die Volkspolizei - dein Freund und Helfer" - hallt es mir noch aus der Schule in den Ohren.

Doch als ich dann vor dessen Büro neben dem Grenzübergang stehe, besinne ich mich eines Besseren. Immerhin waren meine wenigen bisherigen Erfahrungen mit der VP nicht besonders angenehm. Wer weiß, was für ein Lokalpotentat mich da drin erwartet.

Ich mache also kehrt, überquere die Straße und strecke die Hand heraus.

Soeben rollen drei Autos am letzten Kontrollposten vorbei auf mich zu. Die Fahrer der ersten beiden treten aufs Gas, doch der Dritte hält an. Es ist ein Jugoslawe, der nach Meißen will. Dann muss er ja auf jeden Fall über Dresden fahren.

Die Verständigung zwischen uns klappt erstaunlich gut, da seine Muttersprache, wie ich feststelle, dem Tschechischen sehr ähnlich ist.

Noch vor Dippoldiswalde überholen wir den Linienbus, in dem meine Klassenkameraden sitzen.

Zu schade, dass mich keiner von ihnen bemerkt hat.

Als wir durch Dresden rollen und meinem ortsunkundigen Fahrer nichts anderes übrig bleibt als meine Anweisungen zu befolgen, fragt er misstrauisch, ob ich mich nicht von ihm nach Hause chauffieren lasse. Doch das liegt mir fern. Ich will ihn ja bloß zum Elbufer dirigieren. Dort braucht er dann nur noch stromabwärts zu fahren, um nach Meißen zu kommen.

Bevor ich aussteige, schenke ich ihm aus Dankbarkeit meine drei Flaschen Bier. Nun restlos von meiner Aufrichtigkeit überzeugt, revanchiert er sich mit einer Schachtel jugoslawischer Zigaretten. Mit einem freundschaftlichen Händedruck verabschieden wir uns.

Nachdem ich zu Hause angekommen bin, vergeht noch mehr als eine halbe Stunde, ehe auch Sabine, meine Klassenkameradin und Nachbarin eintrifft.

Frau Hausdorf, erfahre ich, habe in Zinnwald kurz und bündig entschieden: "Wenn er allein nach Prag fahren kann, kommt er auch allein nach Hause."

Ich empfinde doppelten Triumph. Einmal darüber, dass es mir gelungen ist, meine Lehrerin von meiner Selbstständigkeit zu überzeugen. Zum anderen ist mir, als hätte ich gerade eine Reifeprüfung für das Leben bestanden.

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Am letzten Samstag im Februar fahre ich hinaus zur Flugzeugwerft, wo sich die Werkstatt unserer Segelflugzeuge befindet. Dort will ich meine restlichen Baustunden ableisten, die Bedingung für die nächste Starterlaubnis sind.

In der Halle ist der Rumpf eines einsitzigen "Pirat" aufgebockt. Zusammen mit zwei vierzehnjährigen Neulingen soll ich beschädigte Stellen an der Verkleidung abschmirgeln. Die beiden sind genauso neugierig wie ich es am Anfang war. Bereitwillig erkläre ich ihnen die Funktionen der Instrumente.

Um zu zeigen, wie im Flug die Geschwindigkeit gemessen wird, blase ich in die Venturi-Düse am Bug, gegen die normalerweise der Fahrtwind andringt.

Leider habe ich dessen Macht schwer unterschätzt. Der Zeiger auf dem Instrumentenpult hat sich zweimal um seine Achse gedreht und weist auf über vierhundert Stundenkilometer. Eine solche Geschwindigkeit ist mit diesem Flugzeug in der Praxis unmöglich; es würde vorher auseinander brechen.

Für mich vergeht eine Schrecksekunde, ehe sich die Nadel wieder nach links zu neigen beginnt. Träge vollführt sie anderthalb Umdrehungen und bleibt auf 85 km/h stehen. Kein Schütteln, kein Klopfen, kein nochmaliges Blasen kann sie dazu bewegen, sich auf die Null-Marke zurück zu drehen. Der Fahrtmesser ist hinüber.

Wenige Tage später erhalte ich die formale Mitteilung, dass ich wegen wiederholter Klagen von Seiten der Schule sowie fahrlässiger Beschädigung eines Instruments aus dem Segelflugverband ausgeschlossen wurde.

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Ich bin enttäuscht von Vati.

In den knapp zwei Jahren, die wir nun in Klotzsche wohnen, hat er bei mir schwer an Ansehen eingebüßt.

Als wir damals weggingen aus Weinböhla, empfand ich für ihn noch Stolz, hatte das, was er mir sagte, noch den Wert einer absoluten Wahrheit.

Inzwischen sehe ich in ihm fast nur noch einen kleinkarierten, kurzsichtigen Spießer.

Morgens geht er aus dem Haus, bevor ich aufstehe; abends kommt er gegen zehn, oft noch später zurück. So vergehen manchmal mehrere Tage, ehe ich ihn wieder zu Gesicht bekomme.

Das Einzige, was ihn interessiert, sind seine Arbeit und sein Studium. Ich, sein Sohn, bin ihm völlig gleichgültig.

Nachdem wir hier eingezogen waren, hat er mir noch beim Einrichten meines Zimmers geholfen. Zusammen sind wir zum Einkauf in die Stadt gefahren, und ich konnte mir einen Fußbodenbelag und ein Bett aussuchen. Damit war die Sache für ihn erledigt.

Danach hat ihn an mir eigentlich nur noch interessiert, dass meine Haare ja keinen Zentimeter zu lang sind und dass ich nicht rauche. Aber gerade damit kann er sich bei mir schon seit einiger Zeit nicht mehr durchsetzen.

Ein einziges Mal ist Vati mit mir seitdem in die "Jugendmode" gefahren, um mir eine Hose zu kaufen. Vermutlich hatte ihn zuvor meine Lehrerin oder ein Kollege darauf hingewiesen, wie unmöglich meine Kleidung aussieht.

Als ich am Tag darauf in die Schule kam, wurde ich schon von weitem mit Oho-Rufen begrüßt. Eine ganz normale zeitgemäße Hose, wie sie die anderen Jungs aus meiner Klasse täglich trugen, erregte an mir gewaltiges Aufsehen.

Zwar hat er mich seit seiner Scheidung von Gudrun nie mehr geschlagen. Doch ich kann inzwischen nicht mehr daran glauben, dass er wirklich zu irgendeiner Einsicht gelangt ist und sich neuen Erziehungsprinzipien zugewandt hat. Der Grund dafür scheint eher darin zu liegen, dass ich inzwischen genauso groß bin wie er.

Auch seine uneingeschränkte Zustimmung zu meiner Reise nach Prag sehe ich inzwischen in einem ganz anderen Licht. War er nicht einfach bloß froh, sich meiner auf bequeme Weise für ein paar Tage entledigen zu können?

Einzig von der kurzen Reise nach Polen im letzten Sommer habe ich eine angenehme Erinnerung an ihn zurückbehalten. Denn dort entwickelte sich zwischen uns etwas, was ich ansonsten weder vorher noch nachher erlebt habe: ein Ansatz von Partnerschaftlichkeit.

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Solange ich noch fliegen konnte, habe ich mir über all das kaum Gedanken gemacht.

Meine Erlebnisse in der Luft konnten den Mangel an Zuwendung einigermaßen ausgleichen. Doch jetzt, Ende März 1974, einen Monat nach dem totalen Flugverbot, bricht es um so stärker in mir auf.

Er ist ja mein leiblicher Vater. Darum wiegt die Enttäuschung über ihn schwerer als der Bruch mit Gudrun.

Diese hatte ich zwar lange Zeit für meine Mutter gehalten, da man es mir so beigebracht hatte und da sie bei mir war, seit mein Erinnerungsvermögen einsetzte. Doch hatte sie sich mir gegenüber oft so verhalten, dass ich schon mit drei oder vier Jahren zum ersten Mal dachte: So etwas tut eine richtige Mutter nicht!

Besonders eine Szene aus jener Zeit hat sich mir tief eingeprägt.

Wir wohnten damals noch in Dresden. Vati arbeitete und Gudrun, die ich mit "Mutti" anredete, war den ganzen Tag mit mir allein zu Haus.

Ich weiß nicht mehr, was ich eigentlich getan hatte, das sie so erzürnte.

Plötzlich fand ich mich mit dem Rücken an der Wand wieder, eingeklemmt in die Nische zwischen zwei Küchenschränken. "Schämst du dich nicht?!" fragte sie drohend. Ihre Gebärden sprachen eine deutliche Sprache: Mir stand eine Ladung Ohrfeigen ins Haus. Ein Entkommen war unmöglich, denn sie versperrte in ihrer ganzen Größe den Ausgang. Es gab nur eine Chance, den Schlägen zu entgehen: Ich musste die richtigen Worte finden, um sie zu besänftigen. Dabei hatte ich jedoch ein großes Problem: Ich wusste nicht, was das bedeutete - sich schämen. Es gehörte damals einfach noch nicht zu meinem Wortschatz.

Doch ich kannte Gudrun inzwischen gut genug, um zu wissen, dass ich mit dieser einfachen Wahrheit bei ihr keine Chance hatte. Sie würde sie prompt zur unerhörten Frechheit erklären und mich noch schlimmer schlagen.

So blieb mir nur die Entscheidung zwischen einem Ja und einem Nein als mögliche Antwort auf ihre Frage. Meine Chancen standen damit - so glaubte ich damals - eins zu eins.

Unglücklicherweise entschied ich mich für das Nein.

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Seit jener Zeit plagte mich das unbestimmte Gefühl, dass da etwas nicht stimmte.

Im Alter von zehn Jahren habe ich dann erfahren, was es war:

Im Schülerhort erzählte ich eines Nachmittags von zu Hause.

Frau Hänsel, unser alte Betreuerin, unterbrach mich plötzlich und sagte:

"Aber das ist doch gar nicht deine Mutter!"

Ich war verdutzt. "Doch ... !?" brachte ich zögernd hervor.

"So?" erwiderte sie. "Und ich dachte immer, das wäre gar nicht deine Mutter."

Am nächsten Sonntagmorgen erzählte ich diese Begebenheit am Frühstückstisch. Vati blickte daraufhin vielsagend zu Mutti, wurde geradezu feierlich und sagte:

"Na, du hättest es ja doch irgendwann erfahren."

Nach einer Pause fuhr er fort: "Deine Mutter und ich, wir sind geschieden worden, als du anderthalb Jahre alt warst. Ein paar Monate später habe ich dann Gudrun kennen gelernt und wir haben bald darauf geheiratet."

Ja, aber wer war dann meine Mutter? Wo lebte sie jetzt?

Über sie erzählte mir Vati lediglich, dass sie mich schlecht behandelt und vernachlässigt habe.

Mein Vertrauen zu ihm war noch ungebrochen und ich glaubte ihm bedingungslos. Seine Schilderung erstickte in mir für viele Jahre den Wunsch, meine Mutter kennen zu lernen.

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In der Woche darauf geschah im Schulhort etwas, das mich für Wochen völlig verwirrte. Frau Hänsel fuhr mich plötzlich giftig an: "Wie kannst du zu Hause erzählen, ich hätte gesagt, das wäre nicht deine Mutter! Das habe ich überhaupt nicht gesagt!"

Ich verstand die Welt nicht mehr. Sollte ich ihre Worte vielleicht nur geträumt haben?

Aber das war ja am Ende gar nicht so wichtig. Daran, dass es jetzt heraus war, dass ich es wusste, konnte es doch nichts mehr ändern.

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"Du bist überhaupt nicht meine Mutter, du hast mir gar nichts zu sagen! Ich brauche mir von dir überhaupt nichts gefallen zu lassen!"

Diese Worte wagte ich niemals offen auszusprechen. Doch Gudrun spürte schon bald, wie ich ihr gegenüber jetzt empfand. Immer entschlossener setzte ich mich zur Wehr, wenn sie mich wieder einmal mit dem Teppichklopfer verprügeln wollte oder mir einen Schuh an den Kopf warf.

In dieser Zeit erwachte in mir der Wunsch nach einem Leben nur mit Vati allein.

Zwar hatte ich auch von ihm während meiner Kindheit manches auszustehen

Auch er schlug mich regelmäßig mit dem Teppichklopfer.

Unter dem Eindruck dieser Erfahrungen habe ich mir schon, als ich zehn war, etwas geschworen: Wenn ich einmal groß sein werde und selbst Kinder habe, so werde ich sie NIEMALS so brutal und lieblos behandeln, wie es meine Eltern mit mir tun.

Diesen stillen Schwur leistete ich, während ich eines Abends in der Küche auf dem Fußboden saß. Vati hatte gerade wieder einmal zugeschlagen.

Und doch sprach ich ihn damals noch gänzlich frei von jeder Schuld, schob diese stattdessen Gudrun zu und deren Oma - meiner Stief-Urgroßmutter -, die ich mit "Großmutter" anzureden hatte.

Vor allem die Letztere war es, die mir an den Nachmittagen das Leben schwer machte. Überall war ich ihr nur im Wege, und ihre Spezialität waren "Kopfnüsse" - Schläge gegen die Schläfen mit den Knöcheln der zur Faust geballten Hand. Wenn Vati und Gudrun dann am Abend nach Hause kamen, erstattete sie umgehend Bericht über meine "Sünden". Je länger ihr Rapport dauerte, desto zahlreicher waren meist auch die Prügel, die ich kurz darauf einstecken musste.

So zog mich bald nichts mehr nach Hause; ich begann, mich nach der Schule einfach in der Gegend herumzutreiben. Immer später kam ich nach Hause und immer häufiger und heftiger wurden die Schläge. Zwischen meinem achten und meinem elften Lebensjahr verging fast kein Wochentag, an dem ich nicht abends verprügelt und dann meist ohne Abendessen ins Bett geschickt wurde. Aber das war mir immer noch lieber als den ganzen Nachmittag über der verkalkenden Großmutter ausgesetzt zu sein.

Außerdem gab mir das Herumstromern in der Natur - in den Wäldern, auf den zahlreichen Seen und Teichen, in den ausgedehnten Obstplantagen - einen immer wichtiger werdenden Ausgleich zu den häuslichen Zuständen: Es weckte in mir an jedem Tage die Lebenslust neu.

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Mittwoch, 10. April 1974. Ungewöhnlich früh ertönt das Rasseln des Schlüssels in der Wohnungstür. Es ist noch nicht einmal achtzehn Uhr. Vatis Blick verrät mir sofort, dass er es endlich erfahren hat. Vier Mal, fünf Mal schlägt er zu, mit einer Brutalität, wie ich sie noch nicht erlebt habe.

Als ich schließlich in der Küche auf dem Boden liege, meint er nur kurz:

"Wenn du morgen nicht in die Schule gehst, dann komm lieber gar nicht erst wieder nach Hause!"

Dann verschwindet er in seinem Zimmer, um weiter zu studieren.

Abends im Bett grüble ich lange nach, was ich tun soll. In die Schule gehen? Nein!!! Morgen ist Donnerstag, da haben wir wieder ESP - Einführung in die Sozialistische Produktion - in der Berufsschule. Gerade dort hat ja vor zwei Wochen alles angefangen. Der Lehrer hatte entdeckt, dass ich in den sieben Monaten, die das neunte Schuljahr nun schon andauerte, kaum vier Sätze in meinen Hefter geschrieben hatte.

"Sie werden heute vier Stunden nachsitzen und schreiben! Und jedesmal, wenn Sie wieder hier sind, werden Sie zwei Stunden länger dableiben als die anderen, so lange, bis Sie die versäumten Aufzeichnungen nachgeholt haben!"

In der großen Pause ließ ich mir von einem Klassenkameraden meine Schultasche zum Fenster herausreichen und verschwand. Am nächsten Tag kam ich nicht wieder in die Schule, auch nicht am übernächsten, noch in der Woche darauf. Denn was hatte das alles schließlich für einen Sinn. Sie wollen ja doch nur irgendeine stumpfsinnige Marionette aus mir machen. Doch dafür bin ich mir zu schade.

Das Schlimmste aber ist, dass mein eigener Vater das alles voll mitmacht. Und nicht nur das. Er sieht nicht im geringsten, dass ich eine eigenständige Persönlichkeit bin, mit eigenen Gefühlen, Vorstellungen, Ansichten. Immer mehr habe ich den Eindruck, dass der ganze Zweck seiner "Erziehung" darauf gerichtet ist, aus mir eine Art hirnlose Pappschablone von sich selbst zu machen. Doch je mehr ich dies begreife, desto größer wird auch mein innerer Widerstand dagegen. Immer öfter höre ich mich in letzter Zeit zu mir selbst sagen: "SO nicht!!!"

Deshalb kann ich an diesem Mittwochabend auch erst einschlafen, nachdem ich einen unumstößlichen Entschluss gefasst habe:

"Dann komme ich eben nicht wieder nach Hause!!!"

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Am nächsten Morgen - Vati ist längst auf Arbeit - packe ich ein paar Kleidungsstücke und alles Essbare, das ich im Küchenschrank finde, in meinen Rucksack und mache mich auf den Weg zur Bushaltestelle. In meinem Portmonee habe ich gerade drei Mark fünfzig. Neunzig Pfennig davon gehen für die Fahrkarte nach Ottendorf-Okrilla drauf. Dort führt die Autobahn nach Bautzen vorbei.

Als ich an der Auffahrt stehe und die wenigen vorbeifahrenden Autos anwinke, beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Jeden Moment kann hier ein grün-weißer Lada der Volkspolizei um die Ecke biegen und meine Flucht zu Ende sein, noch ehe sie richtig begonnen hat. Deshalb beschließe ich, mich neben der Autobahn durch den Wald zu schlagen, bis ich an einen Parkplatz komme.

Der Anblick der dahinrasenden Autos entfacht in mir eine Sehnsucht nach der großen weiten Welt. Auffällig viele Westdeutsche sind hier unterwegs. Aber das ist ja auch nicht verwunderlich. Es ist Gründonnerstag.

Ich habe Glück und erreiche schon nach zwei Kilometern einen kleinen Parkplatz. Gerade hat sich hier eine westdeutsche Familie zum Frühstücken niedergelassen.

Sie wollen zu Verwandten nach Ostritz, einem Dorf an der polnischen Grenze, und sind gleich bereit, mich bis dorthin mitzunehmen. Auf ihre Frage, wo ich hin will, erkläre ich, dass ich einen Onkel in Breslau besuchen möchte.

Leider gibt es in Ostritz keinen Grenzübergang; der nächste ist zwanzig Kilometer weiter nördlich, in Görlitz. Ich überlege, ob ich mich nicht einfach quer durch die Felder ins Nachbarland durchschlagen soll, doch dann fällt mir ein, dass hier ja die Neiße die Grenze bildet. Also stelle ich mich wieder winkend an die Straße und werde wenig später von einem jungen Motorradfahrer mitgenommen.

In Görlitz habe ich es nicht schwer, den Grenzübergang zu finden, denn eine endlose Schlange bundesdeutscher PKWs weist mir den Weg. Leider sind fast alle Fahrzeuge restlos belegt. Die Plätze, auf denen niemand sitzt, liegen voller Gepäckstücke. Nur ein allein reisender älterer Herr aus dem Ruhrgebiet hat noch Platz auf dem Beifahrersitz. Als ich ihn frage, ob er mich mitnehmen würde, sagt er mir sofort ins Gesicht: "Na, mit dir stimmt doch was nicht. Du bist bestimmt von zu Hause abgehauen." Doch fügt er sogleich versöhnlich hinzu: "Geh erst mal rüber. Wenn ich durch die Kontrolle bin und du stehst noch da, nehme ich dich mit."

Also mache ich mich auf den Weg ans andere Neiße-Ufer. Wieder überquere ich die Grenze ohne Probleme. Der DDR-Grenzbeamte schöpft nicht den geringsten Verdacht; ohne zu zögern reicht er meinen Personalausweis an seinen polnischen Kollegen weiter.

Vier Stunden lang bemühe ich mich mit halber Kraft um eine andere Mitfahrgelegenheit. Dann erscheint auf der Brücke der grüne Ford Taunus mit dem Wuppertaler Kennzeichen. Als wir wenig später über die verwaiste Autobahn in Richtung Wroclaw rasen, zeigt das Tachometer auf 180 - eine für mich bislang unbekannte Geschwindigkeit.

Obwohl er inzwischen restlos überzeugt ist, dass ich von zu Hause ausgerissen bin, macht der Mann mir keine Vorwürfe, sondern bewirtet mich mit Orangen und Schokolade. "Falls du mal in Schwierigkeiten kommst", sagt er schließlich "geh zu einem Pastor. Der hilft dir bestimmt."

Eigentlich wollte er mich höchstens bis Wroclaw mitnehmen. Doch aus irgendeinem Grund fährt er am dortigen Parkplatz vorbei und hält erst sechzig Kilometer weiter in einem Dorf. Mir ist das sehr recht, denn ich möchte ja nur eins: möglichst weit weg von zu Hause. Außerdem beginnt hier, hinter Wroclaw, für mich der Reiz des bisher Unbekannten.

Bevor ich aussteige, drückt mir der Mann aus Wuppertal noch 85 Zloty in die Hand - nach offiziellem Kurs fat 20 DDR-Mark. Inzwischen ist die Dunkelheit hereingebrochen und ich sehe mich nach einer Möglichkeit zum Übernachten um. Doch hier in dem kleinen Dorf sieht es damit schlecht aus. Also stelle ich mich wieder an die Hauptstraße und halte die Hand heraus. Zehn Kilometer weiter liegt die Stadt  Brzeg; die möchte ich zumindest  noch erreichen. Gleich darauf  hält vor meiner Nase ein Bus. Er sammelt Arbeiter auf, um sie zur Nachtschicht in eine entferntere Fabrik zu bringen. Scheinbar hat mich der Fahrer für einen seiner Kollegen gehalten. Dennoch nimmt er mich freundlich auf, und auch das halbe Dutzend Männer in den vorderen Sitzreihen scheint mir Sympathie und Interesse entgegen zu bringen. Als Brzeg schon in Sicht ist, biegt der Bus von der Hauptstraße ab. Nun stehe ich auf freiem Feld, ein kalter Wind pfeift mir um die Ohren.

Einige Minuten später sitze ich zum dritten Mal an diesem Tage in einem Auto mit westdeutschem Kennzeichen. Der Fahrer ist mit seinem kleinen Sohn unterwegs nach Rybnik, einer Stadt südlich des oberschlesischen Kohlenreviers. Dort endet für mich kurz vor Mitternacht die Reise - gut fünfhundert Kilometer entfernt von zu Hause.

Nachdem sich herausgestellt hat, dass meine 85 Zloty für eine Übernachtung im Hotel nicht ausrei-chen, beziehe ich mein Nachtlager auf der Sitzbank eines unverschlossen geparkten LKW.

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Am folgenden Morgen fahre ich zunächst per Anhalter nach Gliwice, von dort mit dem Bus nach Katowice. Bis zum Nachmittag habe ich fast mein gesamtes Geld für Essen, Eis und Limonade ausgegeben. Im Laufe dieses sonnigen Karfreitags ist in mir der Wunsch erwacht, nun auch die polnische Hauptstadt kennen zu lernen. So geselle ich mich gegen Abend zu einigen Männern, die winkend an der nördlichen Ausfallstraße stehen. Als eine Stunde später ein klappriger 'Warszawa' anhält, muss ich mir die Rückbank mit drei anderen Anhaltern teilen. Zu meiner Enttäuschung geht die Fahrt nur gut sechzig Kilometer weit, bis Czestochowa - Tschenstochau.

Da die anderen Mitfahrer dem Schofför vor dem Aussteigen einige Münzen geben, will auch ich mich nicht lumpen lassen. Ich reiche ihm meine letzten zehn Zloty.

Nach einer weiteren Stunde Winkens hält endlich ein kleiner LKW, dessen Fahrer nach Warschau will. Die Verständigung mit ihm gestaltet sich ziemlich mühselig, da er noch nicht einmal ein paar Wörter Russisch spricht. Doch begreift er, dass ich kein Geld habe und in Warschau irgendeine kostenlose Bleibe für die Nacht suche. Meine komplizierte Ausrede, die ich ihm mit Hilfe eines kleinen Wörterbuchs erläutere - dass mich mein Vater mit auf Dienstreise nach Kattowitz genommen hat, aber plötzlich ganz dringend in den Norden Polens reisen musste, während ich dummerweise gerade in einer Diskothek mein ganzes Geld verjubelt habe -, scheint ihn nicht besonders zu interessieren.

Wahrscheinlich hat er ja auch überhaupt nichts verstanden.

Spät am Abend rollen wir auf einer beleuchteten vierspurigen Ausfallstraße an der Seejungfrau mit Schild und Schwert, dem Wahrzeichen der polnischen Hauptstadt, vorbei. Ich habe das Gefühl, etwas Großartiges zu erleben. In zwei Tagen allein und ohne Geld bis Warschau - das soll mir erstmal jemand aus meiner Klasse nachmachen!

Wir überqueren die Weichsel und halten in einer schmalen Gasse vor einer grauen Mietskaserne. Voller Stolz zeigt der Mann auf ein winziges zweisitziges Auto von einer recht bizarren Form. Wenn ich ihn richtig verstehe, hat er es selbst gebaut.

Er bedeutet mir freundlich, ihm zu folgen. Wir steigen hinauf bis in den dritten Stock und betreten ein Zimmer von vielleicht 12 Quadratmetern Grundfläche. Hier wohnt der Kraftfahrer mit seiner jungen Frau und ihrem Baby.

Ich bin etwas bestürzt, denn solch beengte Wohnverhältnisse habe ich in der DDR noch nicht kennen gelernt. Der Raum ist zugleich Wohn- und Schlafzimmer; in der Ecke hinter einem Vorhang befindet sich das "Badezimmer" - ein Waschbecken und eine kleine Plastikbadewanne.

Die Frau scheint deshalb zunächst überhaupt nicht begeistert, dass ihr Mann auch noch Besuch mitbringt. Doch findet sie sich schnell damit ab und bereitet mir auf einer Campingliege ein Nachtlager. Die Couch verwandelt sie in ein Ehebett.

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Am nächsten Morgen bekomme ich von ihr ein ausgiebiges Frühstück vorgesetzt.

Dann mache ich mich auf an den nördlichen Stadtrand von Warschau, denn inzwischen ist in mir der Wunsch erwacht, auch Danzig, die legendäre Hafenstadt an der Ostsee, kennen zu lernen.

Doch die Leute scheinen heute nicht besonders viel Lust zu haben, Anhalter mitzunehmen. Nach gut zwei Stunden Winkens gebe ich es auf und fahre mit der Straßenbahn zurück in die Stadt.

Der Weg führt mich an einem Flugplatz vorbei, auf dem einige einmotorige Sportmaschinen stehen. Meine Neugier ist sofort geweckt. Vielleicht gibt es hier ja auch einen Segelflugverein und ich kann das Flugabenteuer von Prag in Warschau wiederholen? Ich umrunde den gesamten abgezäunten Flugplatz auf der Suche nach einem Segelflugzeug. Doch davon ist leider keine Spur zu erkennen. So schlendere ich zurück zu den Wohnvierteln.

Der imposante, wohl einhundertfünzig Meter hohe Kulturpalast weist mir den Weg ins Stadtzentrum. Ich wandle die legendäre Marszalkowska-Allee hinauf und hinab. Mit Prag ist die Architektur hier nicht zu vergleichen, viel eher mit der Ernst-Thälmann-Straße und der Randbebauung des Altmarkts in Dresden: stalinistischer Pomp und Betonklötze, erbaut, nachdem das völlig zerstörte Zentrum von Trümmern gesäubert worden war.

Am Abend, als die einsetzende Dämmerung mir bewusst macht, dass es Zeit ist, mir ein Nachtlager zu suchen, beschließe ich, noch einmal bei dem Kraftfahrer und seiner Frau anzuklingeln. Den Weg dorthin zurückzufinden fällt mir nicht schwer. Jedes Gebäude, an dem ich am Morgen vorbeigekommen bin, haftet mir noch frisch im Gedächtnis.

Auf der Treppe des Hauses versperrt mir eine Gruppe aufgeregter älterer Leute den Weg. Einer der Männer spricht etwas Deutsch. Er fragt, was ich hier mache. Erst nachdem ich erklärt habe, zu wem ich möchte, lässt er mich weitergehen.

Die Wohnungstür wird mir von der Frau geöffnet. Sofort schlägt mir eine immense Wolke Wodka-dunst entgegen. In der Tiefe des Zimmers erblicke ich den Mann, der regungslos auf dem Sofa liegt.

Die Worte der Frau kann ich nicht verstehen. Dennoch begreife ich sofort, was sie mir sagen will: Ein volltrunkener Ehemann reicht ihr; sie hat keine Lust, auch noch mich auf dem Hals zu haben. Ich muss mir woanders eine Bleibe für die Nacht suchen.

Ich irre durch die Straßen, schaue in Hinterhöfe. Entdecke einen Schuppen, der nicht verschlossen ist. Darin befinden sich zu beiden Seiten eines schmalen Ganges Zellen von jeweils vielleicht anderthalb  Quadratmetern Grundfläche. In der letzten zur rechten Seite liegen nur einige Bündel alten Papiers. Hier kann ich es wohl für eine Nacht aushalten. Um etwas sehen zu können, während ich mein Lager zurechtmache, entzünde ich ein Stück Papier und lege es in eine Mauerspalte. Doch ein Windhauch weht es in die Nachbarzelle, die verschlossen ist. Die Flamme erlischt zwar, aber wenig später dringt dicker Rauch durch die Ritzen, der mir fast den Atem nimmt.

Ich flüchte ins Freie, hoffe, dass der Rauch sich wieder legt und ich in das Gelass zurückkehren kann.

Doch dann erstarre ich vor Schreck.

Vor mir, kaum drei Meter entfernt, hat sich die Gardine eines Fensters bewegt. Nur schemenhaft erkenne ich dahinter ein Gesicht. Zwei, drei Minuten lang starren wir uns gegenseitig an. Keiner von uns beiden wagt sich zu bewegen.

Mittlerweile zerrinnt meine Hoffnung, dass der Rauch sich wieder legt; in immer dichteren Schwaden dringt er jetzt durch die halb geöffnete Schuppentür. Ich entschließe mich zur Flucht.

Noch einmal erschrecke ich, als mir an der nächsten Kreuzung zwei Milizionäre entgegenkommen. An ihren Hüften baumeln Gummiknüppel. Sind sie etwa schon auf der Suche nach mir?

Mir fällt ein Stein vom Herzen, als sie an mir vorbeischlendern, ohne mich zu beachten.

Es muss wohl schon Mitternacht vorbei sein, als ich ein Haus entdecke, das gerade renoviert wird. Darin liegen einige Stapel Strohmatten von der Art, wie sie für Zwischenwände benutzt werden. Es ist zwar alles furchtbar staubig, doch ich habe zumindest ein weiches Lager und etwas zum Zudecken.

Mittlerweile ist es unangenehm kalt geworden.

*                    *                    *

Der Ostersonntag begrüßt mich mit wärmendem Sonnenschein.

Das fehlende Frühstück erleichtert mir meine Entscheidung, zurück nach Hause zu trampen.

Vati wird das wohl eine Lehre gewesen sein, denke ich.

Doch dann geschieht etwas Unerwartetes.

Hinter Lodsch werde ich von einer Familie in einem VW "Käfer" mitgenommen. Sie sind nicht der Typ Mensch, der regelmäßig Anhalter aufsammelt, doch mein Anblick hat vor allem das Mitleid der Frau geweckt. Ich habe gerade einen Gewitterguss überstanden und triefe vor Nässe.

Der Mann ist besonders erfreut darüber, dass ich Deutscher bin. Er besucht seit drei Monaten einen Deutschkurs, und ich bin der Erste, bei dem er seine neu erworbenen Kenntnisse in der Praxis ausprobieren kann. Ich erfahre, dass er Dirigent an der Danziger Philharmonie ist und dass seine Frau ebendort als Sprecherin arbeitet. Den "Käfer" bekam er vor kurzem von seinem Vater geschenkt, der seit einiger Zeit in der Bundesrepublik arbeitet. Nun sind sie darin mit ihrem neunjährigen Sohn Piotr auf einer österlichen Rundreise zu sämtlichen Verwandten. Eben fahren sie nach Leszno, zu den Eltern der Frau.

So komme ich meiner Heimatstadt Dresden um mehr als die Hälfte näher.

Lange bevor wir Leszno erreichen, laden sie mich ein, mitzukommen zu den Eltern.

Ich könne dort auch gern übernachten.

Da ich mich bei ihnen ausgesprochen wohl fühle, brauchen sie mich nicht lange darum zu bitten.

Die Eltern wohnen im Nebengebäude einer Kirche aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Von innen ähnelt die Wohnung einem Adelsschloss, denn viele der Möbel sind geradezu antiquarisch und an den hohen Wänden hängen riesige Ölgemälde.

Zum Abendessen versammeln sich um den runden, reichlich gedeckten Tisch im größten der drei Zimmer etwa zwölf Personen. Ich begreife selbst noch nicht ganz, wie mir geschieht, aber ich fühle mich, als würde ich zu dieser Familie gehören.

Doch nicht nur ich empfinde so, sondern auch Barbara und Grzegorz - so heißen die beiden aus Danzig - bekunden mir gegenüber dieses Gefühl. Irgendwann im Laufe des Abends meint Barbara scherzhaft: "Nicht wahr, du kommst morgen mit uns nach Gdansk?"

Ich bin nicht nur erstaunt darüber, dass ich jedes einzelne ihrer Worte auf Polnisch verstanden habe, sondern vor allem bin ich hellauf begeistert. Sollte ich nun doch noch Gelegenheit bekommen, die polnische Hafenstadt kennen zu lernen? Ohne zu überlegen signalisiere ich ihr, dass ich einverstanden bin.

Das Paar sieht sich einen Moment lang etwas verwundert an. "Musst du nicht in Schule?" fragt mich Grzegorz. Doch in diesem Moment fällt es mir überhaupt nicht schwer, ihm vorzulügen, dass in der DDR noch zwei Wochen Ferien sind.

Nach kurzer Beratung mit seiner Frau wendet er sich wieder zu mir.

"Ja, gut."

*                    *                    *

Die Familie bewohnt eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung im Neubaugebiet Gdansk-Przymorze. Mich bringen sie im Zimmerchen ihres Sohnes unter, der einstweilen bei ihnen schläft. Ich genieße völlige Freiheit und grenzenloses Vertrauen. Da die beiden am Dienstag wieder arbeiten müssen, geben sie mir Wohnungsschlüssel. So kann ich kommen und gehen, wann ich will.

Für mich verbindet sich Danzig zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich mit zwei Begriffen: mit den Fünflingen, die hier vor einigen Monaten geboren wurden und mit der Westerplatte. Dieser Ort, an dem im September 1939 die ersten Schüsse des Zweiten Weltkriegs fielen, wird am Dienstag mein erstes Ausflugsziel.

Doch außer ein paar alten Panzern und einer Gedenktafel auf Polnisch kann ich nichts Interessantes entdecken; deshalb fahre ich bald wieder zurück in die Stadt.

Es zieht mich zum Hafen.

Der Anblick der riesigen Schiffe weckt in mir eine Sehnsucht nach fernen Ländern. Vergessen ist jetzt Vati, vergessen ist Dresden. Ich schaue, ob ich mich nicht irgendwo an Bord schleichen kann.

Doch die paar Schiffe, zu denen ich ohne Probleme gelange, sehen nicht so aus, als ob sie bald die Anker lichten würden. Eher scheint der Seitenkanal, an dem ich mich jetzt entlang schleiche, ihre letzte Ruhestätte zu sein. Also lasse ich von diesem Plan wieder ab, auch weil es mir für ein so tollkühnes Unternehmen an der nötigen Entschlossenheit fehlt.

Stattdessen fahre ich zum Segelflugplatz, von dem mir Barbara am Morgen erzählt hat. Leider ist in der Woche kein Flugbetrieb und ich komme wieder nicht zu meinem ersehnten Flug.

In Dresden - kommt es mir kurz in den Sinn - hätte ich am vergangenen Wochenende wohl zu meinem ersten Alleinflug aufsteigen können. Wenn sie mich bloß nicht vor anderthalb Monaten aus dem Verein geschmissen hätten ...

*                    *                    *

Am Mittwochvormittag haben Barbara und Grzegorz frei. Sie müssen erst abends zum Konzert in der Philharmonie sein. Sie laden mich ein zu einem Bummel durch die historische Altstadt, zeigen mir die gerade restaurierten historischen Gassen, die im Krieg fast völlig zerstört wurden.

Als wir die mittelalterliche Mariannenkirche betreten, bekreuzigt sich Grzegorz. Diese Geste erstaunt mich. Bisher habe ich niemanden kennen gelernt, der dies tun würde. Alle meine Großeltern waren bereits in der ersten Hälfte des Jahrhunderts aus der Kirche ausgetreten, und in der Schule wurde uns stets beigebracht, dass nur rückständige und naive Menschen religiös sind.

Doch währt meine Verwunderung und mein Nachdenken nur kurz.

*                    *                    *

"Dokad pan jedzie?" - Wohin fahren Sie? - frage ich. Von der umschweifigen Antwort des Kraft-fahrers verstehe ich nur das Wort Warszawa. Ich steige ein.

Es ist Freitagmorgen. Vor einer halben Stunde hat mich Grzegorz zur Ausfallstraße gebracht. Zum Abschied hat er mir noch vierzig Zloty in die Hand gedrückt. Nun sitze ich in einem LKW, der nach Warschau fährt. Oder zumindest in diese Richtung.

Der Fahrer beginnt mir etwas zu erzählen, doch ich verstehe fast kein Wort. Mir bleibt nichts anderes übrig, als ihn zu unterbrechen und ihm in gebrochenem Polnisch zu erklären, dass ich kein Pole bin. Er sieht mich erstaunt an, so als würde es ihm schwerfallen, es zu glauben.

Draußen ziehen sonnenüberflutete Felder vorbei, über die Bauern mit Pferdegespannen zuckeln. Vereinzelt steht ein Storch auf einer Weide.

Hinter mir zurück bleibt Gdansk, bleibt Familie Sutt, die mir für eine knappe Woche ein Zuhause gegeben hat. Wie Eltern sind mir Barbara und Grzegorz in diesen Tagen gewesen, bessere Eltern, als ich sie selbst habe. Wann immer sie Zeit hatten, haben sie sie mir gewidmet. Gestern noch waren wir zusammen im Meereskundemuseum in Gdynia und an der Mole von Soppot.

In dieser gegenseitigen Zuneigung liegt wohl auch der Grund dafür, dass ich die wenigen Worte Polnisch, die ich bis jetzt kann, perfekt und ohne jeden deutschen Akzent ausspreche.

Durch diese Erfahrung habe ich immer weniger Lust, nach Hause zurückzukehren.

Vielleicht treffe ich hier ja noch einmal solche Menschen?

*                    *                    *

Der Fahrer ist achtzig Kilometer vor der Hauptstadt abgebogen und hat mich in Plock abgesetzt. Deshalb habe ich meinen ursprünglichen Plan, noch einmal nach Warschau zu fahren, aufgegeben und bin über Nacht Richtung Westen getrampt. Unterwegs hat mich eine Milizstreife angehalten. Ich musste in ihren Wagen einsteigen und glaubte schon, dass dies das Ende meiner Reise sei. Doch da meine Papiere in Ordnung waren und da ich zufällig gerade in Richtung DDR unterwegs war, ließen sie mich schließlich wieder laufen.

In einem Vorort von Poznan nahm mich in den frühen Morgenstunden der junge Fahrer eines Kleintransporters mit. Er lud mich ein zu einem Frühstück in der Betriebskantine des Lokomotiv-schuppens, für den er arbeitet. Danach stellte er mich einem älteren Kollegen vor, der fließend Deutsch spricht.

Ein paar Stunden lang habe ich mich in dessen Pförtnerhäuschen mit ihm unterhalten. Bevor ich schließlich in die Stadt aufbrach, lud er mich für den Abend zu seiner Familie ein.

Diese Einladung habe ich dankend angenommen, und ich konnte in einem Feldbett auf dem Boden ihres Hauses übernachten. Am nächsten Tag bin ich nach Leszno getrampt und habe noch einmal bei Barbaras Eltern angeklingelt. Die waren etwas verwundert, doch als ich erklärte, dass ich auf dem Heimweg nach Dresden sei, ließen sie mich gern noch einmal bei sich übernachten. Am Morgen gab mir Barbaras Vater sogar noch etwas Geld mit auf den Weg.

*                    *                    *

Mittlerweile ist es Montagabend, ich bin wieder in Breslau.

Unter der Brücke, auf welcher ich nun stehe, führt die Autobahn hindurch, über die ich vor elf Tagen nach Osten gerast bin.

Noch einmal schwanke ich. Zweihundertfünfzig Kilometer sind es bis nach Hause. Mit etwas Glück könnte ich die Nacht wieder in meinem Klappbett in Klotzsche verbringen.

Doch der Reiz des Abenteuers hat mich inzwischen voll in seinen Bann gezogen. Was ist der graue Alltag in Dresden gegen das, was ich hier erlebe! Wie viel mehr habe ich in diesen wenigen Tagen über die Welt und über das Leben gelernt, als man es mir in der Schule beibringen könnte!

Noch nicht einmal Hunger brauchte ich bis jetzt zu leiden, denn immer bin ich rechtzeitig auf Menschen getroffen, die mich bewirtet und mir etwas Geld gegeben haben, ohne dass ich sie darum bitten musste.

Also gehe ich nicht zu dem Parkplatz neben der Fahrspur in Richtung Westen, sondern stelle mich an die Tankstelle gegenüber. Wenig später werde ich von einem LKW-Fahrer mitgenommen. Er hat einen weiten Weg vor sich; die ganze Nacht werden wir auf Achse sein. Ich bin froh, im Warmen zu sitzen, denn draußen ist es heute unangenehm kalt und windig. Gerade noch bekomme ich mit, wie wir die provisorische Holzbrücke überqueren, über die ich vor anderthalb Wochen schon einmal gefahren bin, dann falle ich in tiefen Schlaf.

Ich wache erst wieder auf, als es schon hell ist und wir durch eine große Stadt fahren. "Gdzie jestesmy?" - Wo sind wir? - frage ich.

"W Krakowie", ist die Antwort des Fahrers. Wenig später weist er nach links auf eine Burg, die sich über mächtigen Mauern und Felsen erhebt. Nicht ohne Stolz sagt er: "Wawel".

Dies also ist das berühmte polnische Königsschloss.

Nun habe ich auch das zu Gesicht bekommen.

Fünfzig Kilometer hinter Krakau ist die Reise zu Ende.

Die Berge ringsumher sind schon die Ausläufer der Hohen Tatra. Einige der Männer und Frauen, die auf Pferdewagen an mir vorbeirollen, tragen Trachtenkostüme. Hier beginnt das Reich der legendären Góralen, des polnischen Bergvolkes.

Meine wachsende Sehnsucht nach fernen Ländern hat mich auf die Idee gebracht, mich durchs Gebirge in die Slowakei durchzuschlagen. Von dort aus ist es nicht mehr weit bis nach Ungarn ...

Doch ein heftiger Gewitterguss kühlt meine erhitzte Fantasie vorerst wieder etwas ab. Ich beschließe, zurückzutrampen ins oberschlesische Kohlenrevier.

Wieder werde ich von einem Lastwagenfahrer mitgenommen. Er ist sichtlich erfreut über die Abwechslung, die ich, der Gast aus einem anderen Land, für ihn bedeute. Ob ich nicht Lust habe, ihn und seine Familie in Katowice besuchen zu kommen, fragt er.

Natürlich habe ich Lust.

Als in einiger Entfernung von der Straße ein paar Baracken auftauchen, weist er darauf und sagt: "Oswiecim".

Fragend sehe ich ihn an.

"Auschwitz", wiederholt er auf Deutsch.

Ich weiß nicht recht, wie ich das Lächeln auf seinen Lippen deuten soll.

*                    *                    *

Am nächsten Morgen ist der Mann längst wieder mit seinem Lastwagen unterwegs, als seine Frau mir ein paar Brote für den Weg macht. Den Abend habe ich zusammen mit der Familie vor dem Fernseher verbracht, und übernachten konnte ich im Kinderzimmer der inzwischen verheirateten Tochter.

Bevor ich gehe, steckt die Frau mir noch einen Fünfzig-Zloty-Schein zu.

Inzwischen kenne ich die Stelle ja schon, an der man von Katowice aus in Richtung Norden trampen kann. Gegen Mittag bin ich zweihundert Kilometer entfernt.

Eigentlich wollte ich wieder nach Warschau fahren. Doch mittlerweile bin ich einem Anfall von naivem Größenwahn erlegen. Wenn ich nun schon so weit gekommen bin, denke ich bei mir, dann schaffe ich es vielleicht auch bis nach ... Indien.

Dazu muss ich durch den Bug, den polnischen Grenzfluss, schwimmen, und in der Sowjetunion soll es, nach allem, was ich gehört habe, mit dem Trampen noch besser gehen als in Polen. In Asien müsste ich mich dann durchs Gebirge schlagen, und ich bin nicht einmal sicher, ob Indien direkt an die Sowjetunion grenzt. Aber irgendwie werde ich das schon schaffen.

Also verlasse ich in Piotrków Trybunalski die Straße nach Warschau und wende mich Richtung Osten, nach Lublin.

Doch dem Mann, der mich bis dorthin mitnimmt, bin ich äußerst verdächtig.

"So ein junger Kerl, und raucht schon wie ein Schlot! Und dass du einen Onkel in Kiew besuchen willst, glaube ich dir auch nicht. Die lassen dich doch überhaupt nicht über die Grenze.

Ich werde dich in Lublin am besten bei der Miliz abliefern."

Als wir in die Stadt hineinrollen, bekräftigt er noch einmal seinen Entschluss, mich zur Miliz zu bringen. Doch seine Worte haben einen fast fragenden Unterton, als wollte er sich vergewissern, dass ich damit auch einverstanden bin.

Er parkt seinen Kleintransporter vor dem Hauptgebäude der Miliz und verschwindet darin. Mich hat er einstweilen auf dem Beifahrerplatz sitzen gelassen. Ich könnte jetzt aussteigen und davonlaufen, doch - aus welchen Gründen auch immer - ich tue es nicht.

Eine Minute später kommt der Fahrer mit einem Polizisten zurück, der mich auffordert, ihm zu folgen. Ich muss meinen Ausweis abgeben und werde kurz darauf zu einem Polizeiwagen gebracht. Die Fahrt endet nach wenigen hundert Metern vor einer Baracke, deren Fenster mit Gittern gesichert sind.

 

Außer mir sind hier noch zwei polnische Jungs in meinem Alter, die dabei erwischt wurden, als sie nachts in einen Kiosk einbrachen. Der Polizist, der uns bewacht, ist mir gegenüber ausgesprochen freundlich und duldsam, viel freundlicher als zu den beiden Polen. Fast scheint mir, dass er voll heimlicher Bewunderung für mich ist, dafür, dass ich mich alleine so weit durchgeschlagen und dabei so gut Polnisch gelernt habe.

Vier Tage bleibe ich in diesem Durchgangsheim, und trotz der vergitterten Fenster empfinde ich diese Zeit geradezu als erholsam. Ich bekomme immerhin geregeltes Essen, habe ein warmes Bett und sehe keinen Grund, mir über irgend etwas Gedanken machen zu müssen. Zwar weiß ich nicht, was weiter geschehen wird, aber die Freundlichkeit des Polizisten hat mir jede Angst vor der näheren Zukunft genommen. Den Tag kann ich mir zusammen mit den anderen beiden Jungs mit allerlei Spielen vertreiben.

Am Sonntagabend erschrecke ich eben, als ich in der halb geöffneten Tür des Büros ein vertrautes Gesicht erblicke: Vati!

 

Schweigend gehen wir wenig später nebeneinander her in Richtung Bahnhof. Keine Drohung, kein Vorwurf kommt aus seinem Mund. Aber das liegt wohl in erster Linie an der fremden Umgebung und an seiner Erschöpfung. Er ist erschlagen von der Tatsache, dass er die bisher weiteste Reise seines Lebens unternehmen musste, um mich abzuholen.

Nach einer Weile versuche ich vorsichtig, ein Gespräch anzuknüpfen. "Vati, hier in Lublin ist doch das ehemalige Konzentrationslager Majdanek. Wollen wir das vielleicht besuchen gehen, ehe wir zurückfahren?"

Dieses Lager kenne ich aus dem Gedicht "Die Kinderschuhe von Lublin", das wir vor einiger Zeit in der Schule besprochen haben. Es erzählt davon, wie hier 1944 tausende Paar Schuhe ermordeter Kinder gefunden wurden.

Der Reiz des Unfassbaren ist es, der mich drängt, dieses Lager zu sehen.

Vati scheint nicht einmal abgeneigt zu sein. Einen Moment lang schwankt er. Doch dann lassen wir beide diese Idee wieder fallen. Es ist wohl einfach nicht der richtige Moment.

Dennoch wirkt Vati jetzt lockerer und vertraulicher. Bald erzählt er mir, wie er hierher  gekommen ist. Von Berlin ist er nach Warschau geflogen, von da aus mit dem Zug weitergefahren.

Als wir wenig später im Bahnhofsrestaurant auf den Zug warten, fühle ich mich ihm zum ersten Mal überlegen. Niemand spricht hier Deutsch, und so bin ich es, der ihm einige Gerichte auf der Speisekarte übersetzt.

Dennoch ist mir Vati jetzt fremder als je zuvor. Obwohl hier, weit weg von zu Hause, seine autoritäre Art wie weggeblasen zu sein scheint, habe ich mein Vertrauen in ihn verloren. Intuitiv spüre ich, dass ich zu ihm nie wieder die gleichen Gefühle haben werde wie zuvor.

Und ich will eigentlich auch gar nicht mehr nach Hause!

Deshalb überlege ich, ob ich nicht einfach verschwinde, als sich Vati Stunden später im Zug von Warschau nach Dresden erschöpft auf der Sitzbank ausstreckt und sofort einschläft. Aus seiner Gesäßtasche ragt das Portmonee hervor, das, wie ich gesehen habe, prall gefüllt ist mit Hundert-Zloty-Scheinen. Wohl eine Stunde lang ringe ich mit dem Vorsatz, es herauszuziehen und mich damit aus dem Staub zu machen. Doch ich bringe es nicht fertig. Ich weiß selbst nicht, was stärker ist, mein Mitleid mit ihm oder die Angst, er könnte mich totschlagen, falls er davon erwachen würde.

 

"Morgen gehst du erst mal wieder in die Schule und dann sehen wir weiter", sagt Vati, als wir am darauf folgenden Abend wieder in Dresden sind.

Nun ja, mir wird nichts anderes übrig bleiben, wenn ich auch nicht die geringste Lust dazu verspüre. Dennoch nehme ich, als er gerade im Bad ist, zweihundert Zloty aus seinem Portmonee. Für alle Fälle, denke ich bei mir.

Er wird das sowieso nicht merken.

Am Morgen darauf stelle ich zu meiner Überraschung fest, dass ich zum Helden der Klasse avanciert bin. Mit großem Hallo werde ich vor dem Klassenzimmer empfangen. Ich sehe mich im Mittelpunkt neugieriger und bewundernder Blicke. "Braun bist du geworden", sagt anerkennend Frank Appel, der Kräftigste und körperlich Reifste der Klasse. Auch die schöne Ilona Kamin, die mich für meinen Geschmack bisher viel zu wenig beachtet hat, kann ihren Blick jetzt kaum von mir lassen.

Später, im Physikunterricht, zeige ich meinem Banknachbarn die zweihundert Zloty. Er betrachtet sie neugierig. Das erregt die Aufmerksamkeit Herrn Bergers, des Lehrers.

"Was hast du denn da? Gib mal her! Wo hast du die her?"

"Die habe ich in Polen von jemandem geschenkt bekommen."

"Das werden wir nachprüfen. Wenn es stimmt, bekommst du sie zurück. Aber bis dahin werde ich sie behalten."

In der anschließenden Pause begegnet mir auf dem Gang der Schuldirektor. "Das wird noch ein Nachspiel haben, mein Lieber", sagt er lapidar im Vorbeigehen.

Den Sonnenuntergang desselben Tages erlebe ich zweihundertfünfzig Kilometer entfernt - in Wroclaw.

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"Nie spij!" - Schlaf nicht! - sagt ein älterer Mann neben mir. "Milicja." Am anderen Ende des Wartesaals schieben sich zwei Polizisten durch die Sitzreihen. Ich sehe, wie ein Mann ihnen seinen Ausweis reicht, dann fallen meine Augen erneut zu.

Zwei Wochen bin ich nun schon wieder in Polen, doch diese Zeit verlief ganz anders als jene vierzehn Tage zuvor. Kein einziges Mal mehr bin ich von Menschen nach Hause eingeladen worden. Mittlerweile kann ich ganze Sätze fehlerfrei auf Polnisch sagen und werde kaum noch als Deutscher erkannt. In Lodsch hat sich sogar eine Straßenbahnschaffnerin furchtbar aufgeregt, als ich sie in bestem Polnisch fragte, ob sie deutsch versteht. Mein äußerlicher Zustand verschlechtert sich mit jedem Tag; am linken Knie beginnt sich meine Hose in ihre Bestandteile aufzulösen - jene einzige moderne Hose, die Vati erst vor drei Monaten gekauft hat. Seit mir Anfang Mai in Warschau der Rucksack gestohlen wurde - ich hatte mich nur für einen Moment um zwei, drei Meter von ihm entfernt - habe ich auch keine Wechselkleider mehr.

Während der ersten Tage trieb ich mich am Warschauer Hotel "Forum" herum - jenem pompösen ockerfarbenen Bau, wie ich ihn in München oder Paris, aber nicht in Warschau erwartet hätte. Auf dem Parkplatz am Eingang standen fast ausschließlich westliche Luxuslimousinen; die Gäste stammten vorwiegend aus Westeuropa, Nordamerika und den arabischen Ölstaaten. Auf Deutsch und auf Englisch erbettelte ich täglich ein-, zweihundert Zloty. Das reichte für eine Übernachtung in der Jugendherberge, drei Mahlzeiten im Restaurant, Zigaretten der teuersten Marken und alles was mich sonst noch zum Geld Ausgeben verlockte. Doch am vierten Tag wurde ich dieses Lebensstils überdrüssig. Wieder begann ich kreuz und quer durch das Land zu trampen. Das tat ich vorzugsweise nachts und auf langen Strecken, um der nächtlichen Kühle zu entgehen und auf dem Beifahrersitz eines LKW ein warmes Plätzchen zu Schlafen zu haben. Tagsüber streifte ich durch eine polnische Großstadt - mal durch Katowice, dann wieder durch Torun, Bydgoszcz, Wroclaw -, und am darauffolgenden Morgen war ich meist wieder in Warschau.

Nun ist es Mitte Mai und ich befinde mich nördlich von Danzig. Ich habe nicht gewagt, Familie Sutt noch einmal zu besuchen, sondern bin schnurstracks in Richtung Hel weitergetrampt, jener langen, schmalen Halbinsel am Ausgang der Danziger Bucht. Immer deutlicher wird mir, dass ich in Polen keine dauerhafte Perspektive habe. Den Text eines DDR-Schlagers habe ich umgedichtet zu "... ich werde bald verreisen, wohl nach Schweden oder Dänemark ..." und diese Worte schwirren mir nun ständig durch den Kopf. Vielleicht kann ich auf Hel ein kleines Boot stehlen und damit nach Bornholm rudern - oder wenigsten auf die offene See hinaus, um von einem dänischen oder schwedischen Fischerboot an Bord genommen zu werden ...

Doch dann verbringe ich den Nachmittag damit, Bernstein zu sammeln, den die Fühjahrsstürme an den Strand gespült haben. Ich finde eine ganze Menge, aber die Stücke sind zu klein als dass ich sie verkaufen könnte. Dabei bräuchte ich dringend ein paar Zloty, denn seit über drei Tagen schon hatte ich nichts mehr im Magen. Lediglich an Zigaretten hat es mir nie gefehlt; mehr als einmal geschah es, dass mir ein Mann eine halbe oder ganze Packung schenkte, als ich um eine Zigarette bat. So konnte ich das Hungergefühl eine Zeit lang durch Rauchen unterdrücken, doch allmählich wird es zur Qual. Unter diesen Bedingungen werde ich es wohl auch nicht schaffen, über die Ostsee zu rudern.

Am frühen Abend bin ich der Verzweiflung nahe.

Vor zwei Tagen habe ich in Tschenstochau versucht, in einem Lebensmittelladen zu stehlen, doch gleich beim Betreten verfolgten mich vier oder fünf Augenpaare von Verkäuferinnen, die beschäftigungslos herumstanden. Auf diese Art ist hier also kaum etwas zu holen.

 

Plötzlich fällt mein Blick auf etwas Rundes, Silbriges im Sand des Fußwegs. Tatsachlich: ein Zehn-Zloty-Stück! Genau gegenüber befindet sich eine Imbiss-Stube. Das Geld reicht für eine Suppe, zwei Brötchen und eine Limonade - meine erste Mahlzeit seit beinahe vier Tagen. Zum ersten Mal in meinem Leben glaube ich, dass es so etwas wie einen Gott gibt.

Bei Einbruch der Dunkelheit nimmt mich ein Mann in einem klapprigen "Syrena" bis nach Slupsk mit. Dort beschließe ich, die Nacht im Wartesaal des Bahnhofs zu verbringen.

*                    *                    *

Es können nur Sekunden gewesen sein, doch mir kam dieser Schlaf wie eine Ewigkeit vor. Jemand rüttelt an meiner Schulter; als ich die Augen öffne, erkenne ich zwei graue Milizuniformen. Nachdem ich meinen Personalausweis gereicht habe, wollen die Männer auch mein Portmonee sehen. Darin befinden sich gerade vierzig Groszy, die von den zehn Zloty übrig geblieben sind. Damit ist die Sache für die Polizisten klar. Sie fordern mich auf, mitzukommen. Widerstandslos folge ich ihnen hinaus zu ihrem blau-weißen Polski-Fiat. Am Stadtrand halten wir vor einer kleinen Villa. Als ich die vergitterten Fenster erkenne, weiß ich sofort, wo ich gelandet bin: Die ist so eine Verwahranstalt für Kinder und Jugendliche, wie ich sie schon in Lublin kennen gelernt habe.

 

Doch hier treffe ich auf wesentlich mehr Jungens bis zu meinem Alter; der Schlafsaal mit etwa zwanzig Betten ist gut zur Hälfte belegt. Wenn abends das Licht gelöscht worden ist, darf nicht mehr gesprochen werden. Alle paar Minuten erscheint der wachhabende Polizist an der Tür, um zu lauschen und durch den Spion zu schauen. Doch durch sein Klopfen an der Tür und seinen Ruf nach Ruhe lassen wir uns immer nur für ein paar Sekunden zum Schweigen bringen. An meinem zweiten Abend reißt dem Milizjonär die Geduld, er schließt die Tür auf und befiehlt, uns alle in einer Reihe im Flur aufzustellen. Ich weigere mich, bleibe einfach im Bett.

Bei einem polnischen Jungen wäre jetzt sicher der Gummiknüppel zum Einsatz gekommen, aber mit mir als Ausländer weiß der Mann nicht recht umzugehen. Er verzichtet also auf Gewalt, doch am folgenden Morgen werde ich in die Amtsstube befohlen, wo ich mein Verhalten rechtfertigen soll. Ich erkläre, dass ich das auf Polnisch nicht kann. Dann soll ich es eben deutsch aufschreiben.

Ich schreibe: "Ich bin kein polnischer Verbrecher, sondern ein Tourist aus der DDR, dem das Geld ausgegangen ist, und ich möchte auch so behandelt werden."

Eine halbe Stunde später werde ich wieder in das Zimmer gerufen. Dort sitzt jetzt ein älterer Mann in Zivil, der gebrochen Deutsch spricht. Den Sinn meiner Worte auf dem Zettel hat er offenbar mehr erahnt als verstanden. Er verlangt von mir eine nähere Erklärung, doch ich wiederhole immer nur, was ich bereits aufgeschrieben habe.

Mein Verhalten hat offenbar Eindruck gemacht, vor allem was die weitere Verfahrensweise für mich betrifft. Die Wärter behandeln mich jetzt etwas respektvoller, und am Morgen des vierten Tages erklärt mir einer von ihnen, dass ich nach Danzig ins "Konsulat generalny" der DDR gebracht werde. Dort bekäme ich dann eine Fahrkarte nach Hause.

Ich bin erleichtert, dass Vati mich nicht wieder abholen wird.

Wenig später verlässt ein einzelner Polizist mit mir das Haus. Er ist zunächst recht umgänglich; auf dem Weg vom Auto zum Bahnsteig lässt er mich frei neben sich her laufen und gibt mir auf meine Bitte hin sogar eine Zigarette. Beim Einsteigen in den Zug ensteht Gedränge. Plötzlich ist der Polizist schon im Waggon, während ich noch an die zwei Meter entfernt auf dem Bahnsteig stehe. Dies wäre die ideale Gelegenheit zur Flucht, doch ich denke vorläufig gar nicht daran. Brav folge ich ihm ins Abteil. Eigentlich müsste der Mann jetzt doch überzeugt sein, dass ich keine Fluchtabsicht hege, aber er hat es offenbar mit der Angst zu tun bekommen. Als wir nebeneinander Platz nehmen, fesselt er meinen Arm mit einer Handschelle an den seinen.

Im Hauptbahnhof von Danzig übergibt er mich zwei anderen Milizjonären, die mich zunächst in eine größere Zelle einschließen. Der Raum ist duster und abgesehen von einer niedrigen Sitzbank an der Wand völlig leer. In der Mitte liegt ein sturzbetrunkener Mann von vielleicht Mitte fünfzig. Nach etwa zehn Minuten erscheinen zwei Polizisten, um ihn abzuholen. Vergeblich bemühen sie sich, ihn zum Aufstehen zu bewegen. Sie ziehen an seinen Ohren, an seinen Haaren - der Mann öffnet nicht einmal die Augen. Da zückt einer der Polizisten seinen Gummiknüppel und versetzt ihm einen Hieb auf den Oberarm. Sofort ist der Alte hellwach, murmelt etwas von "Ich komme schon, ich komme schon ...", erhebt sich und lässt sich bereitwillig hinausführen. Nach gut einer halben Stunde werde auch ich abgeholt. Vor dem Bahnhof steht ein grauer Transporter der Miliz. Der Laderraum ist in der Mitte durch ein Gitter geteilt; in den beiden Hälften befinden sich je zwei gegenüberliegende Reihen Holzbänke. Ich muss zu zwei Männern einsteigen, die mit einer Handschelle aneinander gefesselt sind. Neben mir nimmt ein Milizjonär Platz. Nach wenigen Minuten hält der Wagen in einer mit Linden bestandenen Allee vor einer weißen Villa - dem Generalkonsulat der DDR. Die Sekretärin, die mich in Empfang genommen hat, behandelt mich sehr freundlich und fürsorglich, eben gerade wie einen DDR-Bürger, dem ohne eigenes Verschulden das Geld für die Heimreise fehlt. Sie fragt mich als erstes, ob ich Hunger habe und bringt mir wenig später eine Portion leckere Eierkuchen. Eine Fahrkarte nach Dresden könne sie mir nicht ausstellen, denn im Konsulat gäbe es nur Fahrkarten nach Berlin. Dort würde mich dann mein Vater abholen.

Der Zug geht erst am späten Abend, daher muss ich die nächsten Stunden mit Warten verbringen. Gegen siebzehn Uhr bittet mich der Generalkonsul in sein Auto, um mich mit in seine Wohnung zu nehmen. Sie befindet sich in einer grauen Betonsiedlung in Soppot. Gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn, der etwas jünger ist als ich, essen wir zu Abend, danach verbringen wir mehrere Stunden vor dem Fernseher. Gegen zehn bringt mich die Familie im Wagen zum Bahnhof von Gdynia. Bis zur Abfahrt des Zuges bleibt der Konsul vor meinem Abteilfenster stehen, um darüber zu wachen, dass ich nicht wieder aussteige. Doch damit hat die Kontrolle über mich ein Ende, ich bin nun wieder allein und kann aussteigen, wo ich will. Im Laufe der Nacht rollt der Zug nahe der polnischen Ostseeküste gen Westen. Noch habe ich keine Entscheidung getroffen, ob ich bis Berlin fahren werde. Es ist schon hell, als wir Stettin erreichen, den letzten Bahnhof in Polen.

Kurzentschlossen springe ich aus dem Zug.

Vor dem Bahnhof fließt ein Arm der Oder. Am Ufer montiert gerade ein älterer Mann einen Außenbordmotor auf ein Ruderboot. Neben ihm liegt Angelgerät. Er spricht gut Deutsch und ist sehr freundlich. Als ich frage, ob er mich mit zum Angeln hinaus nimmt, ist er gleich einverstanden. Wir tuckern etwa einen Kilometer oderaufwärts.

Der Morgen ist warm und sonnig, doch die Fische wollen heute einfach nicht beißen. Bis zum Mittag wirft der Mann vergeblich seine Angel aus. Mittlerweile hat er seine Frühstücksbrote mit mir geteilt; als wir wieder vor dem Bahnhof anlegen, schenkt er mir eine Essensmarke seiner Betriebskantine und erklärt mir den Weg. Satt und zufrieden stelle ich mich am frühen Nachmittag an die Fernstraße Richtung Norden. Mein nächstes Ziel steht längst fest: Swinoujscie. Dort fahren nämlich die Fährschiffe nach Schweden und Dänemark ab.

Auf halbem Wege dorthin geschieht es mir zum ersten Mal, dass ein Kraftfahrer, der auf mein Winken hin angehalten hat, sofort fragt, ob ich Geld habe. Als ich verneine, schlägt er die Tür zu und fährt weiter. In Polen ist es üblich, dass Anhalter den Fahrern etwas Geld oder eine der offiziellen Trampermarken geben, die zur Teilnahme an einer Lotterie berechtigen. Solange ich Geld hatte, war ich nicht knauserig, aber auch wenn mein Portmonee leer war gab es bisher kaum Probleme. Nur einmal, in Kattowitz, verlangte der Fahrer eines Kleintransporters, der mich kaum drei Kilometer mitgenommen hatte, beim Aussteigen Geld von mir. Da sagte ich nur rasch, dass ich keins hätte, und sprang aus dem Wagen.

Die beiden Frauen, die mich schließlich bis Swinemünde mitnehmen, halten mich zunächst für einen Schweden, wegen meiner Aussprache des Ortsnamens Swinoujscie. Das ehrt mich und nährt meine Hoffnung, dass ich mich vielleicht unauffällig an Bord eines der Fährschiffe schmuggeln kann.

Doch da ist leider nichts zu machen, der Zugang zum Schiff ist hermetisch abgeriegelt.

 

Damit gebe ich meinen Plan, über die Ostsee nach Skandinavien zu gelangen, endgültig auf und wende mich in eine andere Richtung. Vierundzwanzig Stunden später stehe ich am anderen Ende des Landes, am Fuße des Riesengebirges. Hier sind viele Touristen aus der DDR unterwegs. Immer wenn sich ein Fahrzeug mit hellem Nummernschild nähert, winke ich mit meinem blauen Personalausweis. Ein junger Mann aus dem Vogtland nimmt mich schließlich bis in die Berge mit. Er will nach Szklarska Poreba, zur Europameisterschaft im Motorrad-Geländefahren. Zum Glück stellt er keine unangenhmen Fragen, sondern ist sehr hilfsbereit. Als er erfährt, dass ich keine Unterkunft habe, bietet er mir an, in seinem Trabbi zu übernachten. Er selbst bezieht ein bestelltes Hotelzimmer. Am nächsten Morgen nimmt er mich und zwei Freunde zur ersten Etappe der Meisterschaft mit. Unterwegs hält er vor einem Laden und einer der Freunde steigt aus, um etwas zum Frühstücken zu kaufen. Der Fahrer fragt mich, ob ich auch etwas möchte. Zögerlich sage ich: "Ja, zwei Brötchen und eine Flasche Milch." Ich bin erleichtert, dass er nicht nach Geld fragt. Gegen Mittag verabschiede ich mich und begebe mich auf die abschüssige Straße Richtung Karpacz.

 

Plötzlich taucht aus dem Wald ein Junge in meinem Alter auf, der nur mit einer schmutzigen Unterhose bekleidet ist. Zwischen den Lippen hält er einen winzigen Zigarettenstummel. Er fragt nach Feuer und versucht mich in ein Gespräch zu verwickeln. Er wirkt verwahrlost und roh; er ist mir nicht geheuer. Ich sehe, dass ich weiterkomme.

Zum Glück parkt in geringer Entfernung ein tschechischer Touristenbus. Ich frage den Fahrer, ob er  vielleicht nach Karpacz fährt und mich bis dorthin mitnehmen kann. Ja, in zwei Stunden ungefähr würde er fahren, und ich könne dann auch gern mitkommen. Der verwilderte Junge ist nicht mehr zu sehen, doch ich verbringe die Wartezeit lieber in der Nähe des Busses.

Gegen fünfzehn Uhr erreichen wir die Talstation des Sessellifts, mit dem ich vor einem Dreivierteljahr in Richtung Schneekoppe geschwebt bin. Von den tschechischen Touristen will mir niemand die neun Zloty Fahrgeld geben. Der Umtauschkurs sei für sie sehr schlecht, und Polen sei für sie sehr teuer. Also mache ich mich auf dem nahen Wanderpfad zu Fuß auf dem Weg. Doch schon nach wenigen hundert Metern bekomme ich beim Anblick des langen, steilen Anstieges weiche Knie. An einer Lichtung sitzt auf einem Feldstein ein dicker, gemütlich wirkender Mann. Dem Dialekt nach kommt er aus Bayern. Als ich frage, ob er mir das Geld für den Lift geben würde, zückt er sein Portmonee und reicht mir zehn Zloty. Erleichtert kehre ich um und reihe mich in die Schlange an der Kasse.

Eine gute Stunde später stehe ich auf dem Gipfel. Doch diesmal gelange ich nicht bis zu dem Restaurant auf der tschechischen Seite. Ein Soldat hält mich an und möchte meinen Ausweis sehen. Da ich keinen aktuellen Einreisestempel habe, weiß er sofort, dass ich aus Polen komme und schickt mich wieder dorthin zurück.

Na gut, dann muss ich es eben woanders versuchen. Östlich der Schneekoppe erstreckt sich eine Bergkette, deren Gipfelkamm die Grenze bildet. Darauf verläuft der "Pfad der polnisch-tschechischen Freundschaft", welcher von Bürgern beider Länder betreten werden darf. Hier und da liegen halb entblößte Menschen am Wegrand, die sich von der intensiven Gebirgssonne bräunen lassen. Nach einem guten Kilometer kommen mir zwei Uniformierte entgegen. Plötzlich verschwinden sie auf der tschechischen Seite zwischen den Krüppelkiefern, um kurz darauf mit einem dritten Soldaten ihren Weg zur Schneekoppe fortzusetzen. Mich beachten sie glücklicherweise überhaupt nicht.

Die Stelle scheint also zur Zeit unbewacht zu sein. Ich streife mein Hemd ab und lege mich südlich des Weges in die Sonne. Nachdem einige Minuten lang alles ruhig geblieben ist, ziehe ich meine Kleidung wieder an und lasse mich vorsichtig, Meter um Meter, den Hang hinunterrollen. Bald werden die Bäume höher, der Wald wird dichter. Nun kann ich aufstehen und laufen. Minuten später erschrecke ich heftig: mitten auf einer Lichtung, deren Rand ich gerade erreicht habe, steht ein hölzerner Turm. Doch schnell wird mir klar, dass dies kein Grenzwachturm sein kann; es ist nur ein Jägeranstand. Ich bin also schon mitten in der Tschechoslowakei. Jetzt läuft es sich leichter.

 

Bald mündet der Waldweg in eine asphaltierte Straße. Ich bin unsicher, in welche Richtung ich gehen muss, um Pec, die nächstgelegene tschechische Stadt zu erreichen. Ich wende mich zunächst nach links. Kurz darauf habe ich erneut Grund zum Erschrecken. Zunehmendes Motorengeräusch verkündet ein großes entgegenkommendes Fahrzeug. Um die Kurve biegt jener Bus, mit dem ich am Nachmittag von Szklarska Poreba nach Karpacz gefahren bin. Der Schofför und die Fahrgäste schauen mich im Vorbeifahren voller Erstaunen an, und aus meinem Blick spricht sicherlich leichtes Entsetzen. Als der Bus meinem Blick entschwunden ist, springe ich in die Büsche und halte mich dort ein paar Minuten versteckt. Dann beruhige ich mich wieder, aber ich bin mir jetzt sicher, dass ich in die verkehrte Richtung laufe. Der Bus kann schließlich nur vom Grenzübergang gekommen sein, und das bedeutet, dass ich genau auf die Grenze zu gehe. Umkehren also, wieder zurücklaufen zu jenem Waldweg und daran vorbei! Tief in der Nacht erreiche ich Pec, wo ich mein Nachtlager auf der Rückbank eines ausgedienten Skoda-Octavia aufschlage.

 

Am Mittag des darauffolgenden Tages - es ist Montag, der 20. Mai - bin ich erst sechzig Kilometer weiter. Die zwei Brötchen und die Milch in Szklarska Poreba waren die einzige Nahrung, die ich in den vergangenen drei Tagen zu mir genommen habe. Während ich durch Jicin laufe und ein Auto nach dem anderen an mir vorbeifährt ohne anzuhalten, mache ich meiner Frustration durch wütendes Füßestampfen Luft. Das hat ein  halbes Dutzend Mädchen gesehen, die in einer Berufsschule auf der anderen Straßenseite am Fenster stehen. Laut lachend verspotten sie mich. Das macht mich noch wütender und ich sehe zu, dass ich weiterkomme.

Am Ortsaugang von Jicin machen hinter einem Drahtzaun drei Bauarbeiter Mittagspause. Ich erzähle ihnen, dass mir in Pec mein Geld gestohlen worden ist und bitte um eine Kleinigkeit zu essen. Sie reichen mir ein dickes Kuchenbrot mit dem Durchmesser eines mittleren Tellers. Ungläubig staunend beoachten sie, wie es in Sekunden in meinem Mund verschwindet. Ich bedanke mich und stelle mich wieder an die Straße. Wenig später kommt von dem Betriebsgelände eine Frau mit einem Geldschein wedelnd auf mich zu.

"Ich habe gehört, was Ihnen bei uns passiert ist. Hier, nehmen Sie doch wenigstens eine Kleinigkeit, nur eine Kleinigkeit." Mit diesen Sätzen in bestem Deutsch drückt sie mir den Zehn-Kronen-Schein in die Hand. Dann bittet sie mich mitzukommen in den Betrieb. Dort gäbe es einen Laden, wo ich mir etwas zu essen kaufen könne. Ich entscheide mich für zwei Packungen Kekse und zwei Flaschen Limonade, welche sich in kürzester Zeit  zu dem Kuchenbrot gesellen. Die Frau erzählt, dass von einem hiesigen Betrieb häufig LKWs in die DDR fahren. Sie wolle dort anrufen und fragen, ob mich nicht jemand mitnehmen kann. Doch heute gehen leider keine Fuhren in diese Richtung. Schließlich fragt die Frau, ob ich in Pec nicht zur Polizei gegangen bin. "Doch", sage ich, "aber die meinten, sie könnten auch nichts machen."

"Ich will einmal unsere Polizei hier in Jicin anrufen. Irgendwie muss Ihnen doch geholfen werden." Mein Erschrecken versuche ich zu verbergen, so gut es geht.

"Ach, das ist nicht nötig. Ich komme schon irgendwie nach Hause." In der Hoffnung, sie damit von ihrem Vorhaben abgebracht zu haben, stelle ich mich wieder an die Straße. Fünf Minuten später erscheint die Frau erneut. "Ich habe bei der Polizei angerufen; sie meinten, sie schicken jemanden, aber es kann eine Weile dauern. Wie lange, konnten sie mir nicht sagen."

Auweia, jetzt ist Eile geboten; nix wie weg aus Jicin!

Ein paar Meter weiter hat gerade ein LKW angehalten. Der Beifahrersitz ist zwar besetzt, aber ich erkenne, dass es im hinteren Teil der Kabine noch zwei Sitzplätze gibt. Ja, er würde mich schon mitnehmen, sagt der Fahrer, aber er fahre erst in zwanzig Minuten weiter.

Es ist die Zeit der alljährlichen "Radfernfahrt für den Frieden Warschau - Berlin - Prag". Während ihrer Mittagspause verfolgen die beiden im Radio die Live-Übertragung vom Etappenziel. Leicht nervös blicke ich mich um. "Kann ich vielleicht schon einsteigen?" "Ja, gut, komm rein."

Uff, so bin ich zumindest dem Blickfeld entschwunden.

 

Nach wenigen Kilometern ist der Lastwagen von der Route nach Prag abgebogen, und ich stehe nun an einer Straßengabelung auf freiem Feld. Hier ist mir wesentlich wohler. Bald schon hält ein zweiter LKW, der bis nach Prag fährt. Die Straße, auf der wir in die Stadt rollen, kommt mir bekannt vor. Das ist ja die Sokolovska! Ich schaue auf die Hausnummern: 97 ... 73 ... 55 ... 49! Hier wohnt Rudolf.

Er ist erstaunt und erfreut, dass ich ihn schon wieder besuchen komme. Diesmal bleibe ich fast eine Woche, in der wir eine Menge Unsinn verzapfen, herumbalgen, die Leute auf dem Fußweg mit Wasser begießen ...

Rudas Mutter behandelt mich freundlich und fürsorglich wie bei meinen vorangegangenen Besuchen. Dabei ist ihr offenbar schnell klar geworden, dass ich diesmal von zu Hause ausgerissen bin. Als ich schließlich sage, dass ich am nächsten Tag heimfahren werde, verlässt sie das Haus und kommt eine Stunde später mit einer Zugfahrkarte nach Dresden zurück.

Am Sonntag Mittag verabschiedet mich die gesamte Familie auf dem Bahnsteig. Erneut stehe ich vor der Frage, wo ich aussteigen soll, doch diesmal steht meine Entscheidung schon früh fest. Schließlich bin ich illegal in der CSSR, und wenn ich jetzt die Grenze überquere, werde ich wahrscheinlich verhaftet. Also fahre ich nur bis Decin. Von dort aus trampe ich am Abend zum Grenzübergang Zinnwald/Cinovec, wo ich am nächsten Morgen sicher einen Autofahrer finden werde, der mich wieder ins Landesinnere mitnimmt. Die Nacht verbringe ich auf einer Sitzbank im Omnibus-Wartehäuschen.

 

Montag, 27. Mai 1974. Bis zum Nachmittag bin ich über Prag nach Pilsen gelangt. In der Pförtnerloge einer Fabrik bitte ich um ein Stück Karton und einen Stift. In großen Buchstaben schreibe ich auf Deutsch: Zur Grenze.

Nicht dass ich mich schon fest zur Flucht entschlossen hätte; es sind vor allem finanzielle Gründe, die mich jetzt in Richtung Bayern treiben. Touristen aus der Bundesrepublik dürfen, wie ich erfahren habe, ihr restliches tschechoslowakisches Geld aus dem Zwangsumtausch weder ausführen noch zurückwechseln. Stattdessen werden sie am Kontrollpunkt genötigt, ihre letzten Kronen dem Roten Kreuz zu spenden. Wenn ich als „armer Bruder aus dem Osten“ die Schlange der Autos vor dem Übergang abklappere, bekomme ich vielleicht ein ganz hübsches Sümmchen zusammen, denke ich. Bei dieser Gelegenheit kann ich auch gleich die Lage erkunden und schauen, ob sich ein Durchschlupf findet ...

 

Mein Schild hat geholfen; nach kaum zwanzig Minuten hält ein Tanklastzug der Marke Büssing. Der Fahrer, vielleicht fünfunddreißig Jahre alt, blond, ein echter Bayer, ist unterwegs nach Bayerisch Eisenstein. Der Name des Grenzortes auf der tschechischen Seite, Zelezna Ruda, bedeutet, wie er mir erklärt, das gleiche: Eisenerz. Aus dem Radio tönt es "Strahler-Küsse schmecken besser ..."

Ich glaube, er würde mich sogar in seinem LKW über die Grenze schmuggeln, wenn er nur eine Chance sähe. Doch er beschreibt mir haarklein, wie gründlich die Tschechen den Wagen kontrollieren. Da ist nichts zu machen.

Nach einer guten Stunde sind von einer Anhöhe herab ein paar Dächer erkennbar. "Da vorn ist schon Bayerisch Eisenstein." Der Fahrer hat Angst, mich direkt bis zum Übergang mitzunehmen und setzt mich schon bei den ersten Häusern von Zelezna Ruda ab. Bevor ich aussteige, schenkt er mir noch drei D-Mark.  Dann fährt er weiter, und ich, nichts Böses ahnend, mache mich zu Fuß auf den Weg in die gleiche Richtung.

 

Drei einheimische Männer haben den Vorgang von der anderen Straßenseite aus beobachtet. Der jüngste von ihnen springt auf seine weinrote 'Java' und prescht zu mir heran. "Kam jdes?" - Wohin gehst du? "Hranice?" Na klar, wohin denn sonst.

Er rauscht davon und taucht Sekunden später wieder auf. Hinter ihm sitzt jetzt ein bewaffneter Offizier. Der springt ab, verlangt meinen Ausweis und fordert mich auf, ihm zu folgen. Zweihundert Meter entfernt befindet sich zur Linken ein Gebäude, das etwas größer und grauer ist als die umgebenden Einfamilienhäuser. Davor lungert eine Hand voll Soldaten herum. Vom Grenzübergang selbst ist noch nichts zu erkennen. Der Offizier verschwindet mit meinem Ausweis im Haus, während ich in Gesellschaft mehrerer Maschinenpistolen vor der Treppe warten muss.

Es vergeht eine kleine Ewigkeit, ehe der Mann wieder erscheint und mich auffordert, in einen Jeep zu steigen. Die Fahrt endet schon nach Sekunden. Ich werde in einen Raum mit winzigen Fenstern geführt, in dem nur ein Tisch und ein paar Stühle stehen. Hier erwartet uns ein Mann in Zivil, der fließend Deutsch spricht. Er redet freundlich mit mir, ist aber ungeheuer beharrlich. Stundenlang wiederholt er die gleiche Frage: "Du hast keinen Einreisestempel, also: Wie bist du in die CSSR gekommen?" Für zwei, drei Stunden halte ich gegen, wiederhole ebenso beharrlich meine Version, dass ich mit dem Zug über Decin eingereist bin. Aus irgendeinem Grund habe man mir diesmal keinen Stempel gegeben. Vielleicht war es ein Versehen; kann ja mal vorkommen, oder?

Doch als es draußen dunkel wird, fordern die Strapazen der Reise ihren Tribut. Zwar konnte ich mich bei Rudolf etwas erholen, aber die vielen Tage des Hungerns und des wenigen Schlafes haben tiefere Spuren hinterlassen Deshalb wiederhole ich, während sich mein Kopf allmählich der Tischplatte zuneigt, schließlich nur noch: "Ich hab Hunger und ich bin müde."

"Sag uns, wie du in die CSSR gelangt bist, dann bekommst du zu essen und kannst schlafen." "Ich hab Hunger ..."

Nach wohl vier Stunden wird auf dem Tisch eine Straßenkarte der Tschechoslowakei ausgebreitet. "Du brauchst uns nur zu zeigen, wo du in die CSSR gekommen bist, dann kriegst du zu essen und kannst schlafen." Ich schaue meinem Zeigefinger zu, wie er sich hebt und zum oberen Rand der Karte bewegt ...

Damit ist für die beiden der Auftrag erfüllt. Der Dolmetscher verschwindet und kommt wenig später mit zwei Schmalzbroten zurück, die ich gierig verschlinge. Dann werde ich wieder zum Jeep gebracht und in eine nahe Villa gefahren. In einem Raum im ersten Stock stehen fünf oder sechs Holzpritschen die nur am Kopfende ein wenig gepolstert sind. Der Offizier bedeutet mir, dass ich mich hier hinlegen kann, was ich noch im selben Moment tue. Dass mir jemand eine Filzdecke überwirft, bekomme ich nicht mehr mit.

 

Die Sonne steht schon hoch, als ich erwache. Am Fußende der Pritschen trippelt ein Soldat mit geschulterter Maschinenpistole hin und her. Ich bin sein einziger Gefangener. Vor dem vergitterten Fenster stehen Apfel- und Kirschbäume in ihrer schönsten Blüte. Dieser Anblick erfüllt mich mit Wehmut. Wenn ich auch nicht weiß, was weiter geschehen wird, so fühle ich doch tief in mir, dass ich solche Bilder vorläufig nicht mehr häufig zu sehen bekommen werde.

Bald holen mich zwei Männer in Zivil ab. Die Fahrt in einem blauen 'Wolga' geht Richtung Nordwesten, immer in der Nähe der Grenze zu Bayern entlang. Als wir nach gut zwei Stunden Cheb durchqueren, wird mir das Ziel der Reise klar. Kurz darauf nimmt mich in Schönberg ein Grenzbeamter der DDR in Empfang, legt mir Handschellen an und führt mich in einen Keller.

An einer Wandseite befinden sich etwa zehn Türen, von denen die Hälfte verschlossen ist. Der Offizier schiebt mich auf eine der halb geöffneten Türen zu und schließt hinter mir ab. Die Zelle hat kaum einen Quadratmeter Grundfläche; wenn ich mich auf das in den Beton eingelassene Brett an der Rückwand setze, berühren meine Knie schon fast die Tür.

Bald bemerke ich, dass ich mich in Gesellschaft von fünf oder sechs Leidensgefährten befinde. Aus den anderen Zellen tönen immer wieder Rufe der Beschwerde über die Behandlung; Mein Zellennachbar findet es unerhört, dass man ihn in Cheb mitten auf der Straße verhaftet habe und beteuert seine Unschuld. "Das wird der Staatsanwalt klären", ertönt draußen der lakonische Kommentar.

Ich selbst bleibe stumm

Nach Stunden wird endlich der Bitte um etwas zu trinken entsprochen; auch ich bekomme ein halbes Glas Orangensaft hereingereicht.

 

Es muss schon später Nachmittag sein, als erneut die Schlüssel rasseln. Einzeln werden wir zu einer "Grünen Minna", einem grün-beigen Kleinbus der Marke 'Barkas' geführt. Der Raum hinter der Fahrerkabine ist in etwa acht Zellen aufgeteilt, die so winzig sind, dass ich nur in Hockstellung darin sitzen kann. Es gibt kein Fenster; eine winzige Glühlampe an der Decke verhindert völlige Dunkelheit. Ich muss gegen die Fahrtrichtung in der letzten Zelle zur Rechten Platz nehmen, welche wegen der Rundung in der Karosserie offenbar noch kleiner ist als andere. Noch immer bin ich in Handschellen.

Die Fahrt in diesem Sarg dauert eine gute halbe Stunde.

Als ich anschließend in ein grauschwarzes Sandsteingebäude geführt werde, erhasche ich neben der Tür einen Blick auf das „Firmenschild": Justizvollzugsanstalt Plauen. Die erwachsenen Männer, welche mit mir hierher überführt wurden, bekomme ich nur kurz zu Gesicht, denn ich werde gleich darauf in den Hof gebracht, wo mich zwei Volkspolizisten in einem 'Lada' erwarten. In einem Polizeirevier in der Innenstadt von Plauen nimmt man mir endlich die Handschellen ab und ich bekomme etwas zu essen. Die Nacht verbringe ich in einer über zwanzig Quadratmeter großen, schmutzig-grauen Zelle, die nur mit einer einzelnen Holzpritsche ausgestattet ist.

Tags darauf übernimmt mich ein älterer Taxifahrer; ich muss auf der Rückbank seines Wartburg Platz nehmen. Auf meine Frage, wohin er mich bringt, antwortet er nur "Ins Kinderheim nach Karl-Marx-Stadt." Ansonsten verläuft die Fahrt auf der Autobahn ohne Worte.

Das Durchgangsheim, eine dreistöckige Villa unweit der Autobahn, ähnelt mit seinen vergitterten Fenstern jenem Gebäude, in welchem ich in Slupsk ein paar Tage verbringen musste. Durch eine geöffnete Saaltür im Erdgeschoss erspähe ich verschiedene Spiele, Bücher und ein Fernsehgerät. Die übrigen Kinder und Jugendlichen können sich hier während des Tages frei bewegen, doch ich werde, nachdem meine Habseligkeiten registriert und in Verwahrung genommen wurden, in einem Zimmer im Dachgeschoss eingeschlossen. Es ist vollgestellt mit eisernen Doppelstockbetten. Dreimal täglich bekomme ich Essen gebracht; eine halbe Stunde später wird das Geschirr wieder abgeholt. Wenn ich auf die Toilette will, muss ich klingeln und warten, bis ein Wärter erscheint. Ansonsten bleibt mir zwei Tage lang nichts anderes zu tun als auf einem der Betten zu sitzen und der Dinge zu harren, die da kommen werden.

 

Am Freitagmittag werde ich endlich wieder ins Erdgeschoss geholt. Ich muss den Erhalt meines Portmonees, meiner Bernsteinsammlung und anderer Kleinigkeiten quittieren. Dann empfängt mich ein rüder Kerl mit den Worten: "Gommse, gommse, Herr Grensvorrläddsor!"

Draußen steht ein ziviler 'Wolga'. Der Mann befiehlt mir barsch, mich auf der Rückbank genau in die Mitte zu setzen, die Hände neben die Beine auf den Sitz zu legen und mich ja nicht zu bewegen. "Beim geringsten Fluchtversuch mache ich von der Schusswaffe Gebrauch!"

Auf der Autobahn fährt er stets genau die erlaubten hundert Stundenkilometer. Als einmal ein anderes Auto zum Überholen ansetzt, hupt er, droht mit der Faust und zeigt auf eine Polizeimütze, die im Rückfenster liegt. Der andere Wagen ordnet sich brav wieder hinter uns ein.

In Dresden-Wilder Mann verlassen wir die Autobahn und halten nach wenigen hundert Metern vor einer von hohen Buchen umstandenen Villa. Ich lese: Kinder-Durchgangsheim Dresden. Der Mann, der mich in Empfang nimmt, fragt in freundlichem Ton, in welchem Stadtbezirk ich wohne, und in diesem Moment keimt Hoffnung in mir auf, dass ich noch heute wieder frei sein werde. Doch ich komme kaum dazu zu sagen; "In Klotzsche", als mir der Polizist ins Wort fällt. "Nee, nee, das is ä gans schwährorr Junge, der  gommd in'n Gnasd!"

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Zwei Stunden später überquere ich auf dem Rücksitz eines 'Wartburg' die Augustusbrücke. Wieder liegen meine Arme in Handschellen. Am Altstädter Ufer erstreckt sich zur Linken die Brühlsche Terasse, zur Rechten der Theaterplatz mit der Katholischen Hofkirche und genau vor mir die Passage vom Schloss zum Marsstall, welche - obwohl seit  Februar 1945 nur noch eine ausgebrannte Ruine - nach wie vor Würde und Schönheit ausstrahlt.

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Hier enden meine Aufzeichnungen aus den 1980er Jahren. Die darauf folgenden viereinhalb Monate verbrachte ich in der Untersuchungshaftanstalt des Volkspolizeipräsidiums in der Dresdner Schießgasse. Ich konnte mich nie dazu durchringen, mich allzu detailliert an diese Zeit zu erinnern. Deshalb hier auch nur ein grober Zustandsbericht:


Fast den ganzen Tag lang war ich mit ein bis zwei anderen Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren in einer sechs Quadratmeter kleinen Zelle eingeschlossen. Darin befanden sich ein stählernes Doppelstockbett, ein an die Wand klappbarer Tisch und Sitz, ein Schemel, ein kleiner Wandspind, ein Waschbecken und eine Toilette. Unter dem Doppelstockbett lag ein Brett mit einer Matratze darauf, das nachts hervorgezogen wurde, wenn die Zelle mit drei Personen belegt war. An der Decke baumelte eine unverkleidete Glühbirne, die morgens um 5 Uhr ein- und abends um 19 Uhr ausgeschaltet wurde. Das Fenster bestand aus Glasziegeln, durch die sich gerade noch erkennen ließ, ob es draußen Tag oder Nacht war. Darunter befand sich ein Schieber für die Lüftung, der jedoch so angebracht war, das ein Blick nach draußen unmöglich war.


Gegen 9 Uhr morgens gab es 20 Minuten Hofrundgang. Dazu mussten wir im Gänsemarsch und in gewissem Abstand voneinander die Treppe hinuntergehen und anschließend im engen Innenhof – ebenfalls im Gänsemarsch - einen kreisrunden Plattenweg entlang marschieren. Wer gehbehindert war oder z.B. durch Sprechen auffiel (denn das war strikt verboten), musste auf einem engeren inneren Plattenweg einsam seine Kreise ziehen.

Wer Geld auf seinem Anstaltskonto hatte, konnte einmal pro Woche nach dem Hofgang an einem Schalter einige zusätzliche Lebensmittel einkaufen. Zigaretten wurden erst ab 18 Jahren verkauft, so dass in meiner Zelle niemals jemand Zugang zu Tabakwaren hatte. Vereinzelt gelang es uns jedoch, während der Rückkehr vom Rundgang bei erwachsenen Häftlingen etwas Obst oder Honig gegen eine Schachtel Zigaretten einzutauschen.

Von einzelnen Ausnahmen abgesehen – konkret erinnere ich mich an einen Brandstifter – waren alle meine Zellengenossen Jugendliche, die in der Nähe der Westgrenze verhaftet worden waren, die meisten in der Tschechoslowakei wie ich, einige andere auf dem Bahnhof Eisenach.


Das einzige Geräusch, das von draußen zu uns drang, war das Hupen der Elbdampfer an den nahen Anlegestellen unter der Brühlschen Terrasse. Es gab keinen Fernseher und kein Radio, also auch keinerlei Musik. Als nach über drei Monaten einmal Radiomusik aus dem Aufenthaltsraum der Schließer an mein Ohr drang, kam mir das wie ein Traum vor.

Die Zeit war für mich nicht traumatisch, dh. ich wurde nicht vergewaltigt und auch nur ein Mal von einem Schließer geschlagen und getreten, aber angenehm war sie ganz sicher nicht.


In diesen Monaten fand die Fußball-Weltmeisterschaft in der Bundesrepublik statt, während der die Bundesrepublik in der Gruppenphase mit 1:0 von der DDR besiegt, später aber dennoch Weltmeister wurde. Dies alles bekamen wir natürlich mit, wenn auch immer mit ein bis zwei Tagen Verzögerung, da unsere einzige Informationsquelle die Tageszeitungen waren, die wir abonnieren konnten. Neben Zeitungen gab es auch Bücher zu lesen. Einmal pro Woche kam ein Kalfaktor mit einem Bücherwagen vor die Zelle, und jeder Häftling konnte sich für eine Woche ein Buch ausleihen. Wenn wir zu dritt in der Zelle waren, gab es also immer drei Bücher, die wir untereinander austauschen konnten, so dass wir die ganze Woche über einigermaßen beschäftigt waren. Einmal musste ich jedoch zwei Wochen allein in der Zelle verbringen, und das war die schlimmste Zeit. Das Buch hatte ich jeweils nach zwei Tagen ausgelesen; danach gab es fünf Tage lang so gut wie nichts mehr, mit dem ich mich beschäftigen und damit einigermaßen ablenken konnte. Wenn die Tageszeitung „Junge Welt“ hereingereicht wurde, begann ich auf Seite 1 links oben und hatte sie nach einer halben Stunde bis zur letzten Seite rechts unten durchgelesen.


Zu Vernehmungen war ich nur in den ersten zwei Wochen zwei- oder dreimal geholt worden. Anklagepunkt war natürlich der berüchtigte Paragraph 213 (Ungesetzlicher Grenzübertritt), Absatz 3: „Vorbereitung und Versuch sind strafbar.“ Dass ich tatsächlich ungesetzlich eine Grenze überquert hatte, nämlich die von Polen in die Tschechoslowakei, spielte dabei keinerlei Rolle, sondern es ging lediglich darum, mir eine Fluchtabsicht in den Westen nachzuweisen. Doch beharrte ich bei den Vernehmungen stets darauf, dass ich lediglich an die Grenze gefahren sei, um bei ausreisenden Westdeutschen etwas Geld zu erbetteln.

Am Donnerstag, den 17. Oktober 1974 wurde ich plötzlich aus der Untersuchungshaft entlassen, ohne dass ein Verfahren gegen mich eröffnet worden war. Danach sollte ich noch knapp fünf Jahre in der DDR leben.


 

 

 

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